Franz Kafkas Erzählung »Die Verwandlung« von 1912 zählt zu seinen wichtigsten Werken und fasziniert seit Generationen immer aufs Neue. Die Parabel auf die Monstrosität menschlichen Zusammenlebens mit autobiografischen Zügen gilt als Schlüsselwerk der literarischen Moderne und ist zweifellos eines der Bücher, die man, einmal gelesen, nicht wieder vergisst.

»Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.«

Der etwa dreißigjährige Gregor Samsa lebt mit seiner sechzehnjährigen Schwester Grete und Vater und Mutter in einer geräumigen Wohnung in Prag, als die Metamorphosis über die Familie hereinbricht. 

Als Gregor eines Morgens erwacht, stellt er fest, dass er sich gänzlich in ein »Ungeziefer« verwandelt hat. Auf dem Rücken liegend, mit dünnen Insektenbeinen in der Luft, gelingt es ihm zunächst nicht, sich aufzurichten. Erschrocken über den Zustand, dass er zu spät zur Arbeit kommen wird, macht sich Gregor Gedanken über sein Leben. Um den Lebensunterhalt seiner Eltern und seiner Schwester zu bestreiten, hat er eine Arbeit als Handlunsreisender und Tuchhändler angenommen. Eine Arbeit, die ihm im Grunde seines Herzens überhaupt nicht gefällt, die es der Familie jedoch erlaubt, in einer anständigen Wohnung zu leben und alte Schulden des Vaters abzutragen. Noch während sich Gregor im Bett über seine Arbeit erbost, erscheint der Prokurist der Firma in der Wohnung, um sich über die Verspätung zu erkundigen. Unter Anstrengungen und Mühen gelingt es Gregor, in seinem desolaten Zustand die Tür zu öffnen und alle Anwesenden in erstauntes Entsetzen zu versetzen. 
Der Prokurist flieht, während auch Gregor überstürzt in sein Zimmer zurück flüchtet, wo er die meiste Zeit damit verbringt, unter einem Kanapé zu liegen, sich Gedanken zu machen und Gesprächen aus dem Wohnzimmer zu lauschen.

Wochen und Monate vergehen, in denen Gregor in dem Asyl seines Zimmers verweilt. Nur Grete, seine Schwester, erscheint zweimal täglich, um ihm Essen zu bringen und ein wenig aufzuräumen. Doch auch Gretes Besuche sind nur von kurzer Dauer und Gregor achtet stets darauf, seine Ungestalt unter dem Kanapé zu verbergen, während Grete zügig ihre Arbeit verrichtet.


Durch diese Verantwortung steigt das Ansehen von Grete bei den Eltern. Nachdem Grete bemerkt, dass Gregor in ihrer Abwesenheit an den Wänden emporklettert, beschließt sie mit ihrer Mutter die Möbel bis auf das Kanapé aus dem Zimmer zu räumen, da der Bruder diese ja gar nicht mehr benötigen würde. Gregor lässt auch dieses über sich ergehen, wehrt sich aber dagegen, dass ihm auch das Bild der »Dame im Pelz« genommen werden soll, indem er sich schützend darauf setzt. Dieser Versuch erschrickt die Mutter und in einem Handgemenge wird Gregor durch eine herunterfallende Flasche am Gesicht verletzt. Auch der Vater kommt dazu, deutet den Tumult als Angriff und bewirft Gregor mit Äpfeln, von denen einer in seinem Leib stecken bleibt und ihn schwer verletzt. Nur das Drängen Gretes das »Leben Gregors zu verschonen« bringt den Vater zur Besinnung.


Durch das Erlebnis und die schweren Verletzungen verfällt Gregor in Schwermut und nimmt kaum noch Nahrung zu sich. Bewegungen fallen ihm schwer.


Gregors tiefe Sorge, die Familie würde ohne sein Einkommen nicht auskommen, verflüchtigt sich, als er belauscht, dass der Vater ein kleines Guthaben angespart hat und Vater wie Mutter nun wieder einer geregelten Arbeit nachgehen. Auch die junge Grete findet eine Arbeit; vernachlässigt dadurch jedoch die Versorgung von Gregor, dessen Zimmer mehr und mehr einem heruntergekommenen Abstellraum gleicht. Die Familie vermietet eines der Zimmer an drei Untermieter, die sich jedoch über die »Reinlichkeit im Hause« brüskieren, nachdem sie Gregor zufällig zu sehen bekommen und ihn für echtes Ungeziefer halten. Alle drei kündigen daraufhin fristlos die Unterkunft.

Nun ist es Grete, die ihren Bruder das erste Mal »es« nennt und weint, man müsse es los werden. Auch dieses Gespräch vermochte Gregor zu belauschen und noch in derselben Nacht stirbt er allein und kraftlos in seinem Zimmer.

Die Familie begrüßt das jähe Ende Gregors und beschließt einen Neuanfang. Die Eltern befinden, dass Grete nun alt genug sei, um für sie einen guten Mann zu finden.

Für die Literaturwelt trägt »Die Verwandlung« eindeutig autobiografische Züge Kafkas. Der Schriftsteller hielt sich selbst für unzulänglich und wurde von Zweifeln hinsichtlich seiner Rolle als Vater und Ehemann geplagt, die zeitweise bis zum Verlust der eigenen Identität reichten. Der surreale Charakter der Erzählung animierte aber immer wieder zu allen möglichen Spekulationen, Interpretationen und Analysen des Textes.


Ohne diese Interpretationen und umfangreichen Analysen in Frage stellen zu wollen, reizt doch gerade das Dilemma des zwischenmenschlichen Gleichgewichts und deren Abhängigkeiten innerhalb einer Familie zur Betrachtung. In jedem der drei Kapitel bricht Gregor einmal aus seinem Zimmer aus. Jedes Kapitel endet mit einer neuen Verwundung bzw. seelischen Kränkung bis hin zu seinem Tod. Diese Struktur unterstreicht den Prozess seiner allmählichen Isolierung. Dabei geht Gregors Niedergang mit dem Aufstieg der restlichen Familie einher. Beides verläuft parallel und bedingt sich gegenseitig. Sukzessiv wird dargestellt, wie eine fragwürdige, fragile Existenz untergeht, während eine vitale Physis überlebt, ähnlich wie in »Das Urteil«. Dabei lösen sich nicht nur anfänglich unumstößliche Abhängigkeiten, sondern alle Charaktere der Erzählung erleben eine »Verwandlung«, ausgelöst durch ein plötzliches, unbeherrschbares und noch dazu völlig sinnloses Ereignis. Eine Sphäre der Alltagsrealität wird unmittelbar mit jener des Surrealen konfrontiert und die Unbedingtheit des Käfermotivs in seiner phantastischen Irrealität wird von allen als Gefährdung der Alltagswirklichkeit empfunden. Die Transformation in ein Ungeziefer geschieht übergangslos als »absoluter Anfang« und unbedingte Notwendigkeit zur Auflösung vorherrschender Abhängigkeiten.
Kafka nutzt Kontraste zwischen Handlung und Kommunikation. Während die Familie als Gemeinschaft mittels Gesprächen Lösungen zu finden sucht, werden Gregors Gedanken durch innere Monologe dargelegt. Dabei stehen die eher oberflächlichen Unterhaltungen im Hause Samsa im krassen Widerspruch zu den Ereignissen, mit denen sich Gregor konfrontiert sieht.


Trotz der physischen Verwandlung in ein Ungeziefer bleibt dem Protagonisten die Gedankenwelt eines fühlenden Individuums mit menschlichen Werten, Ängsten und Wünschen. Die radikale Absurdität der Verwandlung von Gregor definiert sich in einer totalen »physischen« Entmenschlichung bei gleichzeitig zunehmender Sorge und Trauer um seine Schwester, die ihrerseits das innige Verhältnis zu ihrem Bruder völlig auflöst.

 Kafkas »Verwandlung« wirft die Frage auf, ob Selbstverleumdung wirklich eine moralische Notwendigkeit und Dienst an einer Gemeinschaft ist, oder ob diese nicht vielmehr zu einer sinnlosen Selbstzerstörung führt; kurz: ist es einem empfindsamen und aufopferungsvollen Charakter überhaupt möglich, die Realität einer Gemeinschaft zu überleben?

Franz Kafka
Die Verwandlung
CreateSpace Independent Publishing Platform
Roman, Taschenbuch
ISBN-10: 1505451396
ISBN-13: 978-1505451399

von
Michael Schwarz – 21.05.2016
Illustration von LuBlu (c) massolit.de