Die Einschläge eines Tabubruchs kommen näher. In der jüngeren Vergangenheit hatten bereits einige Sparkassen ihre Pläne, Strafzinsen zu verlangen, angekündigt. Jetzt macht eine Volksbank Ernst. Immer mehr Volks- und Raiffeisenbanken erheben Minuszinsen. Die gelten nicht mehr nur für Millionäre – Schon Kleinsparer zahlen teilweise schon ab dem ersten Euro drauf. Und das dürfte erst der Anfang sein.

Plötzlich geht es ganz schnell – vor einem Jahr hatte die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee erstmals Minuszinsen fürs Tagesgeld ab 100.000 Euro eingeführt. Betroffen waren knapp 140 Kunden und die deutschen Banken erklärten den Schritt rasch zur Ausnahme. Eine neue Erhebung zeigt jetzt aber, Strafzinsen auf Guthaben werden vom Tabubruch zur Regel. Und Vorreiter sind erneut die Genossenschaftsbanken.

Nach vermögenden Privatkunden drohen jetzt auch Kleinanlegern im Einzelfall Strafzinsen auf ihr Erspartes. Bei der Volksbank Reutlingen werden laut Preisaushang Negativzinsen von 0,5 Prozent ab 10.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto fällig. Auf dem Festgeldkonto sind es 0,25 Prozent ab 25.000 Euro für ein halbes Jahr. Wer sein Geld für rund zwei Jahre anlegt, dem droht ein Entgelt von 0,1 Prozent.

Eine Sprecherin des Instituts betonte allerdings, momentan verlange die Bank keine Negativzinsen von ihren Privatkunden. Aktuell sehe man keinen Handlungsbedarf. „Wir sichern uns damit für mögliche Fälle für die Zukunft ab“, sagte sie. Verbraucherschützern zufolge müssen Preisaushänge allerdings klar und wahr sein. „Sie dürfen den Kunden nicht irreführen“, sagte Kay Görner, Marktwächter Finanzen bei der Verbraucherzentrale Sachsen. Er vermutete, der Aushang könne der Abschreckung dienen.

Banken leiden unter dem Zinstief. Weil die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen im Euroraum faktisch abgeschafft hat, brechen ihnen die Erträge weg. Zudem müssen sie 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken. Die Kosten dafür geben etliche Institute an Unternehmenskunden weiter.

Immer mehr langen auch bei Privatkunden zu. Nach Recherchen des Preisvergleichsportals Verivox verlangen 13 Geldinstitute Negativzinsen von bestimmten Kunden – seit Dezember 2016 sind acht Geldinstitute hinzugekommen, allesamt genossenschaftliche Volks- und Raiffeisenbanken. In der Regel sind demnach allerdings höhere Guthaben ab 100.000 oder 500.000 Euro betroffen. Eine Volksbank in Baden-Württemberg belastet laut Vergleichsportal allerdings auch schon Einlagen ab 10.000 Euro.

Institutionelle und Geschäftskunden müssen bereits seit 2016 bei diversen Geldinstituten Minuszinsen für als zu hoch befundene Beträge zahlen.

Wollen Normal-Sparer wenigstens die besten Konditionen am Markt für ihr Geld abgreifen, bleibt ihnen nur das sogenannte Zinshopping (Kontowechsel). Damit wären sie vorerst auch vor Strafzinsen sicher. Aktiv werden, und die Hausbank wechseln, das ist im Zweifel der beste Weg, um möglichen Minuszinsen zu entkommen. Auf jeden Fall ist es besser, als auszuharren und auf eine sparerfreundliche Geldpolitik zu hoffen. Denn die dürfte noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.

 von

Günter Schwarz – 07.06.2017