Nicht nur in konservativen Kreisen – aber dort besonders – stellt sich immer wieder die Frage nach dem „Deutsch-Sein“ und kramt dann in regelmäßigen Abständen Begriffe wie „deutsche Leitkultur“, „abendländische Kultur“ und ähnliches hervor, um sich von anderen, die nach Deutschland immigriert sind, abzuheben und „Fremde“ nachdrücklich „anzuregen“, um nicht „zu zwingen“ sagen zu müssen, sich diesen sogenannten Werten zu unterwerfen und möglichst mit ihnen zu identifizieren.

Die Vorstellung einer ethnisch-kulturellen Einheit der Deutschen ist ab etwa Beginn des 19. Jahrhunderts, seit den Freiheitskriegen gegen die napoleonische Herrschaft, die wichtigste Grundlage deutscher Nationskonzepte. Da bis 1871 kein deutscher Nationalstaat existierte, konstituierte sich das Konzept der Volksgemeinschaft nicht über einen Staat, sondern über Vorstellungen kultureller (insbesondere auch sprachlicher) Identität und gemeinsamer Abstammung.

Als geradezu dramatisch kann man die Geschichtslosigkeit der Deutschen bezeichnen. Historisch bedeutsame Entwicklungen und Ereignisse, ganz zu schweigen von klassischer Literatur, klassischer Musik und Kunst jeglicher Art, sind breiten Schichten der Bevölkerung weitgehend unbekannt und können deshalb auch nicht zu einer positiven Identifikation mit dem „Deutsch-Sein“ beitragen.

Stattdessen haben sich alltagstaugliche Muster entwickelt, die Gemeinsamkeit unter den „Meiers“, „Schulzes“ und „Lehmanns“ aber merkwürdigerweise auch mit den weniger Deutsch klingenden Namen wie die aus Polen „zugereisten“ Deutschen namens „Kowalski“, „Sawkulycz“ und Boganowsky schaffen: Fleiß, Pünktlichkeit, Sicherheit, Tradition und Sentimentalität. Sie alle betrachten sich als Deutsch und sind teilweise sogar stolz, „Deutsche zu sein“ und posaunen es lauthals auf den Straßen und in Sozialen Netzwerken heraus. Aber wenn das alles ist, was das Deutsch-Sein“ dieser “Herrschaften” ausmacht… armes Deutschland!

Die bekannte Journalistin und Fernsehmoderatorin aus dem ZDF-Morgenmagazin, Dunja Hayli hat  sich mit dieser Frage auf ihre Familie und Person bezogen beschäftigt und den folgenden Post auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht:

„Dunja Hayali: Herkunft und/oder Haltung…

Ich komme aus Nordrhein-Westfalen und bin in Datteln geboren. Meine Eltern sind Einwanderer aus dem Irak und kamen schon lange vor meiner Geburt nach Deutschland. Ich bin dort in Datteln ganz normal zur Schule gegangen. Es war so normal, es war schon langweilig normal. Niemals hat mich jemand während meiner Schulzeit gefragt, ob ich Deutsche bin. Kein einziges Mal. Ganz offensichtlich ist es niemandem in den Sinn gekommen, nicht mal mir, dass irgendwas nicht stimmen könnte. Erst seitdem ich beim Fernsehen arbeite, behaupten immer wieder Menschen, dass ich keine Deutsche sei und hier nicht hingehöre. Bullshit.

Ich bin deutsche Staatsbürgerin. Ich habe einen deutschen Pass. Ich bin katholisch, allerdings aus der Kirche ausgetreten. All das wissen viele entweder nicht, oder sie ignorieren das einfach, oder es zählt nicht.

Aber was heißt denn überhaupt „deutsch“? Dass ich eine Kuckucksuhr an der Wand hängen habe? Dass ich Disziplin nicht nur zu buchstabieren, sondern auch zu leben weiß? Dass ich alle Strophen vom „Jäger aus Kurpfalz“ singen kann?

Seit 250 Jahren versuchen nun schon Gelehrte und Ungelernte, das „Deutschsein“ irgendwie zu fassen. Niemandem ist es wirklich gelungen. Entweder man bleibt in Stereotypen und Klischees hängen oder fängt an, Blut zu analysieren und Schädelformen zu vermessen (was nachweislich ein entsetzlicher Schwachsinn war). Ganz offensichtlich sind ziemlich viele Leute trotzdem immer noch davon überzeugt, man müsse „deutsch“ sein, um als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft anerkannt zu werden.

Im Netz häufen sich gerade wieder die Angriffe. Das liest sich dann so: „Du bist keine Deutsche, also hast du keine Rechte hier!“ Übersetzt heißt das: Nur wer deutsch ist, darf hier seine Meinung äußern und sich frei bewegen. Wahrscheinlich beruht das Ganze – wie eben angesprochen – auf einem Missverständnis. Wäre ich 1 Meter 80 groß, blond und hätte blaue Augen, würde mein Deutschsein öffentlich sicher nicht in Frage gestellt.

Und was würde es überhaupt an meiner Person ändern, wenn ich woanders geboren wäre? Was, wenn ich eine andere Religion hätte? Zählten meine Worte, meine Taten, meine Arbeit, meine Erfolge, meine Misserfolge mehr oder weniger?

Echt deutsch ist mitunter unsere Verfassung. Und in dieser gilt das oberste Prinzip „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Deutlich und unmissverständlich ist hier jeder Mensch gemeint, wo auch immer er oder sie herkommt. Es gilt explizit nicht nur für die „Deutschen“.

dh

Übrigens, ich lebe heute seit genau 43 Jahren in Deutschland. Und wenn es gut läuft, werden es noch mal 43. Außer ich wandere aus, wie viele andere Deutsche es auch getan haben und tun.“

von

Günter Schwarz / Dunja Hayali – 10.06.2017