Der seit 1906 regierende 69-jährige dänische König, Kong Frederik VIII., wird am Abend des 14. Mai 1912 an einer Straßenecke am Gänsemarkt in Hamburg tot aufgefunden. Es dauert mehrere Stunden, bis es klar ist, dass es sich bei dem Toten um den König von Dänemark handelt. Er ist im Dom zu Roskilde, der traditionellen Grabstätte der dänischen Herrscher begraben. Ihm folgt sein Sohn, Kong Christian X., im Alter von 42 Jahren auf den Thron.

Nach einem Aufenthalt in Nizza wegen seiner Arteriosklerose war Kong Frederik VIII., dessen vollständiger Name Christian Frederik Vilhelm Carl fra Slesvig-Holsten-Sønderborg-Lyksborg war, zusammen mit seiner Frau und drei seiner acht Kinder auf der Rückreise nach København. In Hamburg machten sie am 13. Mai 1912 einen Zwischenstopp, wo sich Frederik unter dem Pseudonym „Graf Kronsborg“ im Hotel Hamburger Hof am Jungfernstieg einmietete.

Den Nachmittag seines Todestages am 14. Mai 1912 hatte er in Carl Hagenbecks berühmtem Tierpark verbracht; Gemahlin Louise unternahm derweil einen Ausflug nach Blankenese. Der König sei „heiterster Stimmung“ gewesen. Am Abend nach dem Diner (wiederum »in lebhafter Stimmung«) habe er sich dann noch in lebhafter Stimmung von der Familie verabschiedet, um noch ein wenig Luft zu schnappen und einen Abendspaziergang zu machen. Laut offiziellem Polizeibericht sei Frederik auf offener Straße am Gänsemarkt zusammengebrochen, dort von zwei Portiers eines Cafés aufgelesen und von einem Polizisten ins Hafenkrankenhaus gebracht worden. Im Krankenhaus wurde der Tod aufgrund eines Herzinfarkts festgestellt. Da niemand von ihm wusste und er keine Papiere bei sich trug, wurde Frederik in die städtische Leichenhalle gebracht, wo der Leichnam erst am nächsten Morgen vom Hoteldirektor des Hamburger Hofs identifiziert wurde, der nach ihm hatte suchen lassen.

Da der Ort auf dem Gänsemarkt, wo Frederik gefunden wurde, nur wenige Meter von einem bekannten Edel-Bordell in der Schwiegerstraße (heute: Kalkhof, zwischen Großer Theaterstraße und Colonnaden) entfernt lag, gingen die Zeitungen damals von einem vertuschten Skandal aus. So erschienen mehrere Extrablätter und berichteten über die für das Königshaus peinliche Situation.

Später machten auch Geschichten einer Frau die Runde, in deren Armen der König im Bordell gestorben sein soll und die ihn auf den Gänsemarkt geschleppt haben soll, um seiner Familie die Peinlichkeit des Auffindeortes zu ersparen. Ob der König kurz vor seinem Tod tatsächlich ein Bordell besucht hatte und dort starb, konnte allerdings nie eindeutig geklärt werden. Der für den Fall zuständige Polizeiinspektor gab der dänischen Zeitung „Politiken“ am 31. Mai 1912 ein Interview, in dem er erklärte, er sei „nicht in der Lage, weitere Aufklärungen zu geben, da die Polizei beschlossen hat, die Resultate der Ermittlungen, aus Furcht, die dänische Königsfamilie zu verletzen, nicht öffentlich zu machen“.

Frederiks Leichnam wurde in einem feierlich ausgestatteten Sonderzug am 16. Mai 1912 nach Travemünde gebracht, von dort wurde der Sarg auf die königliche Yacht Dannebrog, der Vorgängerin der heutigen königlichen Yacht gleichen Namens, die von 1879 bis 1932 im Dienst war, verladen, die ihn zusammen mit dem Küstenschutzschiff Olfert Fischer zurück nach Dänemark brachte. Er wurde im Dom von Roskilde ca.30 km westlich von København beigesetzt.

von

Günter Schwarz – 14.05.2018