(Moskau) – Stell dir vor, es ist Fußball-WM – und keinen interessiert’s. Zumindest scheint sich die Vorfreude auf das Turnier in Russland selbst bei vielen Fußballfans in Grenzen zu halten. Es gibt gute Gründe dafür, sich auf die WM zu freuen, wie es ebenso gute Gründe dafür gibt, die WM sehr kritisch zu betrachten.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 startet morgen am Donnerstag um 17:00 Uhr MESZ (16:00 Uhr Ortszeit Moskau) mit dem Eröffnngsspiel des Gastgeberlandes Russlund gegen WM-Neuling Saudi Arabien. In Deutschland wird das Spiel von der ARD ausgestrahlt, und dänische Fußballfreunde können das Spiel auf TV2 sehen.

Sport-Großanlässe in Russland hätten nur ein Ziel: „Propaganda!“ Das sagt der russische Satiriker, Journalist, Drehbuchautor und Kreml-Kritiker Viktor Schenderowitsch, der zugleich Mitglied in dem von Ex-Schachweltmeister Gari Kasparow geleiteten „Komitee 2008: Freie Wahlen“ ist.

Viktor Schenderowitsch sitzt in einem Café am alten Arbat, der historischen Fußgängerzone von Moskau. Wie immer unrasiert, wache Augen, ein Lächeln auf den Lippen. Schenderowitsch ist ein Veteran der Kreml-Kritik. In seiner Fernsehsendung „Kukly“ (Puppen), machte sich der Satiriker schon über Putin lustig, als der gerade erst an die Macht kam. Das war vor bald zwanzig Jahren.

Propaganda in eigener Sache

Jetzt, vor der Fußball-Weltmeisterschaft, ist Schenderowitsch wieder in der Rolle des Kritikers. „Solche Großanlässe sind eine großartige Gelegenheit für Propaganda in eigener Sache“, sagt er. Millionen Menschen auf der Welt interessierten sich für Fußball und liebten diesen Sport. Da sei ja klar, dass jeder Politiker versuche, sich damit in Verbindung zu bringen und vom Image des Fußballs zu profitieren. „Dabei gilt auch: Je autoritärer eine Staatsmacht ist, umso mehr benutzt sie den Sport.“


Kreml-Kritiker Wiktor Schenderowitsch hält nicht zurück mit Kritik.
Sport füllt die grosse Lücke

Schenderowitschs These: in autoritären Ländern hat der Sport eine viel größere Bedeutung als in Demokratien. In Europa etwa freuten sich die Fans natürlich auch, wenn einer ihrer Sportler schneller renne als alle anderen. Aber es gebe stets eine gewisse Distanz, denn man wisse, dass es nur um Sport gehe.

Doch in Russland sei der Sport viel mehr: „Der Sport ist ein Ersatz. Die Menschen sind arm, die Staatsmacht willkürlich, die Natur verschmutzt. Aber dafür siegen unsere Sportler!“, sagt Schenderowitsch. Die Russen würden sich wie Kinder verhalten, denen man ein buntes Spielzeug in die Hand drückt, um sie abzulenken.

Putin liebt Großanlässe

Was sicher stimmt: Die russische Regierung hat eine ausgeprägte Vorliebe für internationale Sportwettbewerbe. In die Olympischen Winterspiele 2014 investierte der Kreml umgerechnet rund 40 Milliarden Franken.

2016 fand die Eishockey-WM in Russland statt, dieses Jahr laufen die weltbesten Fussballer auf. In russischen Provinzstädten sind Sport-Arenen oft nicht nur die neusten, sondern auch die grössten Gebäude. Wie moderne Kathedralen dominieren die Stadien Stadtbilder landauf, landab.

Mit Politik hat so viel staatliche Sportbegeisterung nichts zu tun, wenn man Wladimir Putin glaubt: „Sport und Politik sind zwei verschiedene Dinge. Sport ist einzig und allein dazu da, Menschen zusammenzubringen”, betont der russische Präsident stets. Doch Schenderowitsch hält nichts davon. „Der große, internationale Sport ist immer politisch. Schon Hitler hat die Olympischen Spiele 1936 für Propaganda missbraucht.“


Putin liebt Sport-Grossanlässe. Laut Kreml-Kritiker Schenderowitsch nutzt er sie zur Propaganda.
Auch jetzt würden die Menschen aus aller Welt nach Russland kommen, die Städte anschauen, hübsche Frauen, Fußball – ein großes Fest sei sicher. „Aber dieses gastfreundliche Russland führt Krieg, und in den Gefängnissen dieses Landes sitzen politische Gefangene”, sagt Schenderowitsch.

Ein geschöntes Bild der Realität

Russland ist nicht das Dritte Reich, auch nicht mehr die Sowjetunion. Russland ist ein ungleich viel freieres und offeneres Land. Dennoch zieht Schenderowitsch historische Parallelen. So habe es Russland schon immer beherrscht, ein geschöntes Bild von der Realität zu vermitteln: „Europäische Intellektuelle wie Lion Feuchtwanger oder Jean-Paul Sartre kamen in die Sowjetunion und waren begeistert. Dabei waren das eigentlich ja keine doofen Leute“, so der Satiriker.

Für Schenderowitsch ist die WM also vor allem eine Show. Ein autoritäres Regime zieht sich das Fussballtrikot an wie ein Wolf den Schafspelz. Millionen hat der Kreml investiert, um die Innenstädte der Austragungsorte aufzuhübschen. Neue Trottoirs, neue Parks, frisch gepflasterte Strassen. An manchen Orten werden ungepflegte Häuser gar mit riesigen Planen abgedeckt.

Doch diese Modernisierung und Verschönerung ist nur oberflächlich, glaubt der Kreml-Kritiker. Er sei sicher, dass eine neue Repressionswelle übers Land rollen wird, sobald das letzte Spiel abgepfiffen sei. Die WM wäre also nur eine kurze Verschnaufpause für die unterdrückte Opposition.

WM trotz getrübter Freude

Was also tun? Die WM boykottieren? Schenderowitsch kommt ins Nachdenken. „Ich bin für einen Boykott. Man sollte dem Kreml diese Werbeplattform nicht bieten. Aber ich verstehe auch, dass niemand einen Boykott wirklich durchziehen wird. Die Fans und die Spieler – sie werden alle kommen.“

Selbst Schenderowitsch, der Kritiker, wird das Turnier nicht einfach ignorieren. Denn er ist ein leidenschaftlicher Fussball-Fan: Das englische Team, die Franzosen, das seien gute Spieler. Aber auch Polen, Kroatien oder Belgien hätten Potenzial. Schenderowitsch kommt ins Fachsimpeln. Auch er werde natürlich die Spiele schauen – auch wenn die Freude daran nicht ungetrübt sein wird.

von

Günter Schwarz – 13.06.2018