„Lesen bildet“, heißt es. Das liegt weniger daran, dass sich hinter jeder Belletristik ein Fachbuch verbirgt, als vielmehr daran, dass grundsätzlich jedes Buch dazu geeignet sein kann, die Sicht auf die Dinge zu verändern, oder zum Nachdenken anzuregen. Ein gutes Indiz für „tiefere Gedanken“ wird sich schnell finden, wenn man sog. „Weltliteratur“ in den Händen hält. Weltliteratur erfüllt nicht selten einen komplett anderen literarischen Anspruch als viele Thriller und Kriminalgeschichten von den aktuellen Bestsellerlisten großer Verlage und Buchhandlungen. Bücher der Weltliteratur sind quasi die „Bestseller“ vergangener Tage, die zudem auch noch den „Test der Zeit“ überstanden haben und noch Jahrzehnte nach ihrer Ersterscheinung viele Leser zu fesseln vermögen.

Um solche Gedanken zu finden, braucht man auch nicht zu oft wenig populären Klassikern von Hesse, Mann, Dostojevski oder Tolstoi greifen. Selbst in der erfolgreich verfilmten Romanvorlage zu Peter Jacksons „Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien finden sich „philosophische Ansätze“, die selbstverständlich in den Filmen völlig verloren gehen. Nun mag „Der Herr der Ringe“, im Gegensatz zu vielen anderen Klassikern, eher eine abenteuer- und fabelreiche Kindergeschichte sein.

Gerade hier mag ein besonderer Reiz liegen. Ein Jugendlicher wird vermutlich wenig Freude an „Schuld und Sühne“, „Zauberberg“ oder „Narziss und Goldmund“ finden. Mit Tolkiens Geschichte um „den Einen Ring“ werden Kinder und Jugendliche viele Abenteuer und Helden für sich entdecken. Dazu dann auch noch recht „tiefgründige Überlegungen, die wir, wie bereits gesagt, vergeblich in den Filmen suchen. Ein Beispiel sei Bilbo Beutlins Definition von Straßen und Wegen, die in unserer modernen und Globalen Welt die Lebensadern für Handel und Begegnungen sind.

In Tolkiens Büchern warnt Bilbo seinen Neffen Frodo: Straßen und Wege seien wie ein einziger riesiger Fluß, der an jeder Türschwelle entlang fließt. Wenn man auf seine Füße nicht acht gibt, wisse man nie, wo dieser Fluss uns hinträgt. Der Weg vor unserer eigenen Haustür wäre derselbe Weg, der uns durch ferne Städte, Gebirge oder schreckliche Orte führen kann, wenn man ihm lange genug folgt.

„Bilbo Baggins“ zitiert sein Gedicht:

Die Straße gleitet fort und fort,
weg von der Tür, wo sie begann,
weit über Land, von Ort zu Ort, 
ich folge ihr, so gut ich kann,
ihr lauf’ ich raschen Fußes nach,
bis sie sich groß und breit verflicht’
mit Weg und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Ich weiß es nicht…

Auch als Erwachsener macht es Freude, ein wenig über diesen Gedanken nachzusinnen. Und wie viel spannender und herausfordernder wäre so ein Gedanke für Jugendliche?

Die Straße gleitet fort und fort… Du und Ich und viele Millionen Menschen leben letztlich an demselben Weg, der uns alle verbindet wenn wir ihm folgen.

Ein schöner Gedanke.

Michael Schwarz, 18.08.2018