Es gibt zwei Momente im Jahr, in denen wir oft einen Schock erleben. Der erste ist der 1. November: Schock – ist es schon November? Der zweite kommt wie ein doppelter Schlag: der erste Adventssonntag: Schock, Schock – sind wir schon da?
Es passiert jedes Jahr aufs Neue. Die Zeit rast vorbei wie ein Zug ohne Bremsen, und man kann fast das leise metallische Heulen der Gleise hören, während die Tage in einem Tempo verstreichen, das nicht so recht zu unserem inneren Kalender passt. Wir denken, wir hätten mehr Zeit, als wir tatsächlich haben, bis uns die Realität einholt – manchmal mitten im Eingang des Discounters, wo die Weihnachtsdeko schon so lange hängt, dass sie wie eine Dauerinstallation wirkt.
Und genau hier entsteht die große Verwirrung der Vorweihnachtszeit: Advent ist nicht Weihnachten. Es ist nicht die Hektik von Weihnachten, die Panik beim Geschenkeaussuchen, der Plätzchen-Wahnsinn oder dieses gestresste Gefühl, unbedingt etwas backen zu müssen, nur weil alle anderen Fotos von Plätzchen posten. Es ist auch nicht die ununterbrochene Weihnachtsmusik, die so früh im Jahr losgeht, dass man den Radiosendern unterstellt, „Last Christmas“ sei ein Mittel gegen Herbstmüdigkeit. Wenn wir schon Anfang November mit der Weihnachtsstimmung beginnen, riskieren wir, sie zu verbrennen, bevor die wirklich wichtigen Tage überhaupt da sind. Es ist ein bisschen so, als würde man Süßigkeiten essen, bevor man sie ausgepackt hat: Sie verlieren dadurch ihren Reiz.
Der Advent hingegen ist eine Zeit des Wartens. Eine Zeit der Stille und der Langsamkeit – Qualitäten, die im Dezember sonst selten Raum finden. Er verlangt nach einer Art sanftem Zittern, einer Erwartung, die nicht unter Druck geraten, sondern wie eine heiße Tasse Tee genossen werden sollte, die man mit beiden Händen hält, einfach weil sie guttut.
Ich mag den Advent, weil er uns daran erinnert, dass wir uns nicht auf Weihnachten hetzen müssen. Er schenkt uns vier kleine Zwischenstopps, an denen wir durchatmen können, bevor es weitergeht. Vier Sonntage, an denen Sie den Gedanken an Perfektion loslassen und stattdessen etwas so Einfaches wie warme Apfelscheiben, entspannte Nachmittage und Lichter genießen können, die nicht Teil eines bunten Wettstreits mit dem Nachbarn sind.
Denn der Advent ist ein Gegengewicht zur Hektik. Ein stiller Widerstand gegen die Vorstellung, dass Weihnachten nur dann schön ist, wenn wir alles schaffen. Der Advent erinnert uns daran, dass das Wertvollste an Weihnachten die Zeit davor ist – der Raum, in dem die Vorfreude in Ruhe wachsen kann, ohne von Kalenderlichtern und Verpflichtungen vorangetrieben zu werden.
Lassen wir den Advent also Advent sein. Erlauben wir ihm, die Auszeit zu sein, die er sein soll. Und freuen wir uns auf Weihnachten so, dass die Freude nicht schon vor Dezember verflogen ist.
Weihnachten wird kommen. Es wird umso schöner sein, wenn wir uns Zeit zum Warten nehmen.
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