Einmal im Jahr treffen sich Tausende Schweden auf einer Insel und reden über Politik. Es geht beispielsweise um Digitalisierung, Flüchtlinge und ganz viel Europa. – Die Bürger lieben es! Taugt ein solches Modell auch für Deutschland und Dänemark?

Sonntag, 3. Juli, fünf Uhr morgens. Mattias Andersson, Sara Morge und ihre Kollegen setzen im schwedischen Arkösund die Segel ihrer gecharterten 15-Meter-Bavaria-Yacht. Ihr Ziel ist die im 12. Jahrhundert gegründete Hansestadt Visby auf der Insel Gotland.

Zwölf Stunden werden die Partner der Stockholmer Kommunikationsagentur „FriendsAgenda“ für die Überfahrt brauchen. Sara, die zur Seekrankheit neigt, verbringt die meiste Zeit in ihrer Koje. „Das ist jedes Jahr so“, sagt Mattias Andersson. „Sie schläft, und ich muss segeln.“

Montag, 4. Juli, 10 Uhr 10. Lutz Meyer, Wahlkampfexperte und Gründer der Berliner Agentur Blumberry, kämpft sich durch die zu Sommerferien entschlossenen Menschenmassen im Terminal D des Berliner Flughafens Tegel. Gerade eben noch erwischt er die Maschine nach Stockholm. Von dort geht es in einem ausgebuchten Airbus 320 weiter nach Visby.


Nicht nur mit Flugzeug oder Bahn, auch mit dem Schiff reisen die Gäste an
Per Auto und Fähre, per Flugzeug und Segelboot sind Anfang der vergangenen Woche mehr als 35.000 Menschen unterwegs nach Gotland. Sie werden die Einwohnerzahl der Regionalhauptstadt Visby (22.500) weit mehr als verdoppeln. Hotels nehmen in dieser Zeit astronomische Preise; alle Betten, ob in Wohnmobilen, Ferienwohnungen, in Pensionen oder auf Booten, sind belegt. Taxis sind Mangelware; vor den Restaurants der Altstadt bilden sich zu jeder Mahlzeit lange Schlangen. Was zum Teufel ist da los in der schwedischen Provinz?

Almedalen ist los: das größte Politikfestival Schwedens, wie die Organisatoren bescheiden sagen. Tatsächlich dürfte es, wenn man vom politischen Begleitprogramm der Kirchentage absieht, wohl das größte Europas sein.

Hunderte von Veranstaltern – Parteien, Gewerkschaften, Universitäten, Unternehmen, Banken, Stiftungen, Agenturen, NGOs, Zeitungen, Fernsehsender, Lobbygruppen und viele andere – bieten hier in der 27. Kalenderwoche jedes Jahres mehr als 3600 Veranstaltungen an. Es gibt Vorträge, Seminare, Podiumsdiskussionen, Workshops, Talkrunden und Performances.

Zum Rahmenprogramm gehören Empfänge, Sport-Events, Konzerte und DJ-Battles. Mit wenigen Ausnahmen ist die Teilnahme daran für jedermann offen – und kostenlos. Wer während Almedalsveckan versucht, schwedische Politiker oder Journalisten in Stockholm zu erreichen, wird fast sicher leer ausgehen: Sie sind alle, alle hier.


Populäre Politik: Tausende Menschen diskutieren mit
4. Juli, 14 Uhr 30. Lutz Meyer und Sara Morge treffen am Rande des Hafens mitten im Getümmel zusammen. Almedalen ist Agora, Diskussionsort, Forum für den politischen Zeitgeist. Aber es ist auch eine Messe. Hier werden informelle Kontakte geknüpft, Projekte werden aus der Taufe gehoben, Personalakquise betrieben.

Meyer ist „FriendsAgenda“ verbunden, seit 2009 arbeiten sie gemeinsam an Kampagnen und Beratungsprogrammen für Unternehmen. Jetzt soll der PR-Spezialist, der unter anderem die Werbung für Angela Merkels erfolgreiche Wahlkampagne 2013 entworfen hat, bei ihnen Senior Consultant werden. Er soll ein paar wichtige Schweden kennen lernen. Vor allem aber wird es in den kommenden Tagen um eine Frage gehen: Lässt sich ein Format wie Almedalen nach Deutschland exportieren?

Wie soll es weitergehen mit Europa?

Lutz (man duzt sich hier sehr schnell) ist bei den schwedischen Kollegen auf dem Boot untergebracht, was schon einmal das Problem der akuten Bettenknappheit löst. An Bord lautet die erste Frage: Rose? Das ist der „signature drink“ der ganzen Festivalwoche. Um 17 Uhr geht es dann steil bergauf durch die engen mittelalterlichen Gassen des Städtchens.

Im Garten eines wunderschönen Stadthauses aus dem späten 18. Jahrhundert findet ein Empfang („Mingle“) der schwedischen Nachrichtenagentur TT statt, die man mit der Deutschen Presseagentur (dpa) vergleichen kann. Überraschenderweise gibt es Rose. Und es wird miteinander gesprochen, diskutiert, gescherzt – was überhaupt der wichtigste Zweck der ganzen Übung ist.

Von der Balustrade des Gartens hat man einen spektakulären Blick auf uralte Häuser, Kirchen, Schwedenfahnen, das Meer – und auf Rosenstöcke mit riesigen Blüten, Stockrosen, üppige Lavendelbüsche, auf Feigen- und Walnussbäume. Gotland besitzt ein eigenartiges Mikroklima, das im Sommer eine geradezu mediterrane Vegetation hervorbringt.


Diskussion mit Ausblick: Gotland wirkt im Sommer geradezu mediterran
Man könnte mühelos den ganzen Abend hier verbringen, doch Sara und Mattias scheuchen ihren deutschen Gast zurück zum Boot. Er soll einen einflussreichen Berater der schwedischen Regierung treffen. Das Gespräch verläuft locker, angenehm; wie an hundert Orten in Visby geht es an diesem Abend um die Frage, wie Europa weitermachen soll nach dem Austritt der Briten aus der EU.

Mehr Vertiefung oder weniger? Binnennachfrage oder Export? Am Rande schwingt noch ein anderes Thema mit: Wie müsste sich eine moderne Sozialdemokratie positionieren, um bei Wahlen erfolgreich zu sein? Dass die deutschen Sozialdemokraten da im Augenblick auf keinem allzu Erfolg versprechenden Weg sind, hat man auch in Stockholm schon gehört. In Schweden haben sie derzeit eine rot-grüne Minderheitsregierung.

30 Kellner erklären, wie man digital bestellt

Die schwedische Gesellschaft ist sehr digitalaffin, manchmal bis zur Kritiklosigkeit. Niemand in Visby scheint mit weniger als Smartphone und iPad bewaffnet zu sein. Die Fragen nach der Zukunft des Bargelds, nach „Portability“ (Kann ich meine in Schweden abonnierte Netflix-Serie auch in Österreich sehen?) und auch nach Datenschutz werden in zahlreichen Veranstaltungen gestellt.

Doch das späte Abendessen im „welteinzigen“ App-Restaurant stößt auch bei den schwedischen Gastgebern auf Kopfschütteln: Die Tapas und Getränke in dieser Gaststätte können nur online bestellt werden. Man muss sie selbst am Tresen abholen. Trotzdem wuseln gefühlte 30 Kellner durch den kleinen Laden, um den Gästen zu erklären, wie das Bestellen funktioniert. Immerhin vernichtet die Digitalisierung auf diese Weise keine Arbeitsplätze.

Spät abends wird Lutz von Sara und Mattias zum Nachtbaden im Meer überredet. Das ist einer der speziellen Bräuche des Festivals, wobei natürlich alle besonders nach badenden Politikern Ausschau halten. Dunkel wird es höchstens für zwei Stunden, es ist ja erst kurz nach Mittsommer.
Löfven spricht wie ein Coach zu seinem Team

Es war der Sozialdemokart Olof Palme, der 1968 – da war er noch nicht Ministerpräsident, sondern Bildungsminister – dieses Politikfest erfand. Im Stadtpark von Visby, der den Namen „Almedalen“ trägt, hielt er von einem Kastenwagen aus eine bewegende Rede – und erreichte damit mitten im Sommerloch ein für die damalige Zeit großes Medienecho.

Seine Sommerreden wurden zur Tradition, und es dauerte nicht lange, bis auch die Konservativen dieses jährliche Ereignis für sich nutzen wollten. Dank der faszinierenden schwedischen Konsenskultur fand man eine sehr überzeugende Form: An jedem Abend der Woche redet der Vorsitzende einer der im Parlament vertretenen Parteien. 2011 musste Almedalsveckan auf acht Tage verlängert werden, weil eine achte Fraktion in den Riksdag eingezogen war.

Am Dienstagabend lauschen 8000 Menschen dem schwedischen Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei, Stefan Löfven. Er spricht wie ein Coach zu seinem Team, und die wichtigste Botschaft lautet: Das schwedische Modell ist immer noch ein internationales Vorbild.


Gibt sich ganz volksnah: Ministerpräsident Löfven
Schwedens Schwächen (er sagt: Herausforderungen) sind seine Stärken! Gesellschaftliche Spaltung, Arbeitslosigkeit, Einwanderung – das alles lässt sich in einem solidarischen Land bewältigen. Es folgt eine lange Aufzählung von Einwanderern, die inzwischen erfolgreich Unternehmen leiten.

Lutz Meyer hat Glück: Ein ehemaliger schwedischer Finanzminister, heute tätig als Berater der EU-Kommission, übersetzt für ihn. Überhaupt kann man hier kaum einen Schritt tun, ohne über einen aktiven Minister, Abgeordneten oder Staatssekretär im Ruhestand zu stolpern. Von Chefredakteuren und Fernsehmoderatoren ganz zu schweigen: Fast 1000 Journalisten sind für die Woche akkreditiert.

Wie nah ist zu nah?

Natürlich gibt es Kritik an der – in den Augen mancher: übergroßen – Nähe zwischen Politikern, Medienleuten und Lobbyisten, die zumal auf Almedalens unzähligen Partys entsteht. Die schwedische Politikwissenschaftlerin Maria Wendt kritisiert zudem, Politik finde hier gar nicht mehr aus eigenem Recht statt, sondern lasse sich von Presse und Fernsehen in mediengerechte Formate zwingen.

Doch wer sich umschaut in der Stadt; wer den (häufig englischsprachigen) Diskussionen lauscht; wer beobachtet, wie einander wildfremde Menschen auf Straßen und Plätzen einen ernsthaften Meinungsaustausch beginnen; wer sieht, wie jung das Publikum zu großen Teilen ist, der gewinnt eher den Eindruck, dass diese Nähe gut tut.

Es ist ja Nähe für nur eine Woche, sozusagen unter den Bedingungen des Karnevals. Jeder weiß das, und weiß auch, dass sich die Spielregeln hinterher wieder ändern. Aber die direkte Begegnung, und der sehr argumentierende, unkonfrontative Debattenstil auch unter politischen Gegnern schafft einen Vorrat an gutem politischem Klima, von dem alle den Winter über zehren können.

Außerdem haben Menschen, mögen sie auch digital so fortschrittlich sein wie die Schweden, trotz allem das Bedürfnis, sich persönlich auszutauschen, gerade wenn bewegende Dinge passieren. Bei keinem Thema ist das so deutlich zu spüren wie beim Brexit: Ganz Visby summt und brummt vor Brexit.
Wird Stockholm jetzt zur Finanzmetropole?

5. Juli, 11 Uhr 30. Noch ein Traumhaus, noch ein Traumgarten. 250 Zuhörer drängen sich auf engster Fläche. Auch die Swedbank hat zu einer Diskussion über die Volksabstimmung der Briten geladen. Und es folgt ein klares 6:1. Fraser Nelson, Chefredakteur des „Spectator“; Ann Linde, die schwedische Handelsministerin und diverse internationale Chefökonomen der Swedbank gegen David Cairns, den britischen Botschafter in Schweden.


Demokratie erlebbar machen
Cairns gelingt es nicht wirklich, seine diplomatische Neutralität von einer gewissen Herablassung gegenüber der EU zu befreien, die hier ziemlich unpassend wirkt. Die EU-Europäer sind um Höflichkeit bemüht, aber sie machen auf unterschiedliche Weise auch sehr klar, dass sie den Brexit für eine politische und ökonomische Katastrophe halten. In erster Linie für Großbritannien selbst.

Es tut wohl, Chefökonomen einmal so heftig für eine politische Idee argumentieren zu hören. Alle bemühen sich um ein Mindestmaß an Optimismus: Vielleicht nütze der Brexit als Warnschuss. Vielleicht könne er helfen, eine neue europäische Identität zu begründen.

Vielleicht werde Stockholm ja jetzt die neue europäische Finanzmetropole? Martins Kazaks, Litauen, erinnert allerdings daran, dass jede Schwächung der EU auch ein Risiko für den heute als so selbstverständlich empfundenen Frieden bedeute.

Die Unternehmen machen sich fit für die Integration

Lutz Meyer hat hier einen Gastauftritt, der Moderator holt ihn auf die Bühne und fragt ihn nach dem Blick der Deutschen auf das britische Referendum. „Vielleicht wird es überhaupt keinen Brexit geben“, sagt Meyer: „Weil die Briten im Rahmen der Austrittsverhandlungen merken, wie böse sie auf die Populisten hereingefallen sind.“ Applaus. Und befreites Gelächter im Publikum.

Das dritte große Thema der Woche, neben Großbritanniens Entscheidung und der Zukunft der Digitalisierung, ist die Integration von Flüchtlingen und Einwanderern. Gemessen an seiner Größe (neun Millionen Einwohner) hat Schweden 2015 prozentual mehr Menschen aufgenommen als Deutschland.

Die hiesige Regierung ist der Meinung, dass Solidarität in der EU durchaus anders aussehen müsste als bisher. Aber die Integrationsdebatte – und das Programm führt dazu 447 Veranstaltungen auf – wird hierzulande, anders als in Deutschland, fast komplett von der Wirtschaft getragen.

Es geht um die schnelle Eingliederung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt, um Spracherwerb, um die Feststellung der Qualifikation und Rekrutierung schon in den Asylbewerberunterkünften. In einem Panel mit Vertretern der Holz- und Pharmaindustrie und Experten für Flüchtlingsbetreuung diskutieren sie, wie Betriebe ihrem Integrationsauftrag gerecht werden können.


Große Politik vor beschaulicher Kulisse
In gewisser Weise ist das kurios: Im immer noch ungeheuer staatsorientierten ehemaligen „Volksheim“ Schweden sind es die Unternehmen, die sich für die Integrationsaufgabe fit zu machen versuchen. Nicht zuletzt, weil auch hier der Fachkräftemangel in den kommenden Jahren schmerzlich spürbar werden wird. In Deutschland hingegen starren alle gebannt auf das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und die Bundesagentur für Arbeit.

Noch ein rauschender Abend, noch mehr Gespräche und Begegnungen. Durch einen glücklichen Zufall ergattern Mattias und Sara dann am nächsten Vormittag einen Tisch im besten Fischlokal von Visby. Alle sind begeistert. Bis auf Lutz, dem Fisch ein Gräuel ist. Zum Trost gibt es eine substanzielle Käseplatte.

Und einen herzlichen Abschied. Arbeitstreffen in Almedalen sind mehr als Arbeitstreffen. Sie haben einen Aspekt von Freundschaftlichkeit, der der deutschen Politik fehlt. Ob Lutz Meyer und „FriendsAgenda“ es schaffen werden, dieses ganz und gar unverdrossene Politik-Event nach Deutschland zu holen?

In Norwegen und Schweden gibt es bereits erfolgreiche Ableger des Festivals. Und würden die Deutschen es nicht lieben? Sie lieben doch auch Ikea, schwedische Ferienhäuser, Abba, Astrid Lindgren und schwedische Krimis. Vielleicht ist es dann auch Zeit für einen Politikstil à la Schweden.

von

Günter Schwarz – 12.07.2016