In Nepal kennt sie jeder: Ani Choying Drolma ist nicht nur buddhistische Nonne, UNICEF-Botschafterin, Leiterin einer Mädchenschule und eines Spitals, sondern auch der größte Popstar des Landes.

Mit mehr als einem Dutzend Alben mit nepalesischen Liedern und tibetischen Hymnen, die Frieden und Harmonie zum Thema haben, habe die „Sängerin in safranfarbenen Roben Herzen quer durch die Nation im Himalaya und darüber hinaus gewonnen“, berichtete die Nachrichtenagentur AP. Ani Choying Drolma („Ani“ ist ein Ehrentitel und bedeutet „Nonne“, Anm.) schaffte es sogar in die US-Charts.

Gegen die Konvention

Sie sei „völlig gegen die konservative, konventionelle Vorstellung von einer buddhistischen Nonne“, sagte die 45-Jährige. Manche würden denken, eine solche Frau sollte nicht viel in den Medien vorkommen und isoliert leben, „immer in einem Kloster, immer scheu. Aber daran glaube ich nicht.“

Auch ihre Fans glauben das nicht. Sie würden die Sängerin mit tosendem Applaus empfangen, wann immer sie die Bühne betritt, und verharrten in Stille, sobald sie die Augen zum Singen schließe. Ihre Musik helfe gegen Ärger und Frustration, sagte ein Fan: „Sie ist meine Musikgöttin.“

Ruhm, aber auch Kritik

Doch mit ihrer Karriere, die so stark von dem abweicht, was konservativ denkende Nepalesen für den richtigen Weg einer Buddhistin halten, bekommt Drolma auch Kritik ab. Ein Mönch des berühmten Swayambhu-Schreins nahe Kathmandu habe sie gefragt, wie sie das einfache Leben einer religiösen Asketin mit dem Ruhm und dem Reichtum vereinbaren könne, die sie durch ihre zwei Jahrzehnte dauernde Musikkarriere angesammelt habe.

Trotz ihres Ruhms sieht Drolma genau wie eine typische nepalesische buddhistische Nonne aus, mit ihrem kurzgeschnittenen Haar und dem stetigen Lächeln. Sie reist durch die Welt und gibt Konzerte in den USA, Brasilien, China und Indien. Der Komponist Nhyoo Bajracharya, der schon mit Drolma zusammenarbeitete, beschreibt ihre Musik als Mischung traditioneller tibetischer und nepalesischer Stile. „Es sind religiöse Lieder, Slow Rock mit einer Spur Blues und Jazz“, so Bajracharya.

Mehr als nur Songs

Doch Drolma glaubt, dass ihrer Songs mehr sein können als nur eine eingängige Melodie. Ihr Lied „Phoolko Aankhama“ (Augen der Blume) nimmt Bezug auf religiöse Lehren: „Mögen meine Fußsohlen niemals ein Insekt töten“, heißt es in dem 2004 entstandenen Lied. Ihr Gesang eröffne den Zuhörern einen Weg, Meditation zu praktizieren, und solle „eine spirituelle Qualität heraufbeschwören“, so die Sängerin.

Wie viel Geld sie durch Albumverkäufe und Konzerte verdiene, will die Nonne nicht offenlegen, doch sie gibt an, viel davon in wohltätige Bildungsprojekte und ihr auf Nierenprobleme spezialisiertes Krankenhaus fließen zu lassen. Doch verglichen mit den meisten Nepalesen lebe sie das Leben eines Rockstars, so AP – mit Luxusauto und neuem Haus in einer guten Gegend in der Hauptstadt Kathmandu.

Flucht vor Vater und Ehe

Dass eine Nonne arm sein muss, halte sie für „einen sehr konservativen Standpunkt“. Sie habe sich im Alter von 13 Jahren einem Nonnenkloster angeschlossen, um von ihrem gewalttätigen Vater wegzukommen. Außerdem sei sie damit vor einer erzwungenen Ehe geflohen. Im Kloster habe sie gelernt, buddhistische Texte zu chanten, was ihr die Bewunderung der anderen Nonnen eingebracht habe.

1994 besuchte der US-Musiker Steve Tibbetts das Kloster und nahm ihren Gesang auf. So kam Drolma an einen Vertrag mit einer amerikanischen Plattenfirma, ihr erstes Album „Cho“, erschien 1997. Die Tantiemen und Einnahmen hätten sie ein wenig überwältigt, gab die Sängerin zu. Ein Viertel der 28 Millionen Nepalesen leben in Armut.

Bildung für Mädchen in einem armen Land

„Die Frage war: Was mache ich mit dem Geld?“, so Drolma. Sie gründete eine Schule. Das Internat an einer Bergflanke südlich der Hauptstadt bietet 80 Mädchen zwischen fünf und 18 Jahren Gratisunterricht in buddhistischen Studien ebenso wie in Mathematik, Naturwissenschaften und Computerkompetenzen. Die Stiftung übernehme auch die Kosten für weiterführende Studien an einem College.

Gratisbehandlung im Spital

„Ani ist mehr als meine Mutter. Meine Mutter hat mich geboren, aber Ani hat mich großgezogen, sich um mich gekümmert und ist der einzige Grund, dass ich so weit gekommen bin“, sagte die Schülerin Dolma Lhamu. Die 17-Jährige ist in einem College eingeschrieben. Ähnlich verehrt werde die singende Nonne Drolma in dem Krankenhaus, das sie in Kathmandu betreibt. Hunderte Patienten erhalten hier zweimal in der Woche eine kostenlose Dialyse.

Es sei die Arbeit im Spital und in der Schule, derentwegen sie weitersinge und Einladungen zu Auftritten annehmen, so die 45-Jährige. Für ihre Kritiker, die ihren Lebensstil infrage stellen, hat sie wenig Geduld übrig. „Ich tue mein Bestes, um herauszufinden, wie ich meine Einstellung zum Leben, zu den Menschen und zur Welt verbessern kann, und um Wege zu finden, um das Beste aus meinem Leben zu machen“, sagte sie. „Heute bin ich berühmt, aber morgen werden mich die Leute nicht mehr kennen. Es schwindet dahin. Das ist die Realität“, so die Buddhistin.

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Günter Schwarz  – 16.10.2016