Es läuft was richtig, richtig schief, wenn sich Bekannte aus Hamburg – ganz normale Leute – einen Einkaufswagen voller Steine in den Hausflur stellen, damit sie sich im Notfall verteidigen können. Es läuft was richtig schief, wenn Eltern ihre Kinder „aufs Land“ zu mir nach Kiel schicken, damit diese in Sicherheit sind, oder wenn Menschen aus dem Schlaf hochschrecken und nach unten auf die Straße rennen, um ihr brennendes Auto zu löschen. Der Staat hat das Gewaltmonopol und garantiert seinen Bürgern Schutz. Aber wenn das nicht mehr gewährleistet ist, wie es in den letzten Tagen in Hamburg der Fall war, dann läuft was richtig schief.

Es sind schreckliche Bilder, die hängen bleiben. Während die Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen der Welt in den Messehallen tagsüber diskutieren und kaum zu greifbaren Lösungen kommen und gestern Abend in der neuen Elbphilharmonie die Hochkultur feiern, toben draußen Straßenschlachten!

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob es sinnvoll ist, den G20-Gipfel im Zentrum einer Großstadt wie Hamburg abzuhalten. Man kann auch den Sinn des ganzen Gipfels hinterfragen. Natürlich kann man auch darüber diskutieren, wie man der „Gewalt“ eines Autokraten wie Erdoğan oder der „Gewalt“ eines Make-America-Great-Again-Trump entgegentreten kann. Das alles soll und muss diskutiert werden. Schließlich geht es um nichts weniger als unsere gemeinsame Zukunft und den Ausgleich zwischen Oben und Unten, Arm und Reich, Links und Rechts und den richtigen Weg, diesen Ausgleich zu erreichen. Es geht um Verständigung, Verständnis und Respekt. Doch all das wird in Hamburg zertrümmert und geht in Feuer auf.

Es gibt nichts, absolut nichts, es gibt kein einziges Argument, das diese Gewaltausbrüche rechtfertigen könnte. Gewalt mit Gewalt zu rechtfertigen, ist eine kranke Argumentation, die zu nichts anderem führt als zu einem nie enden wollenden Groll und Hass. Als besonders schlimm empfinde ich, dass alle anderen Protestler, die friedlich für ihre Überzeugungen demonstrieren, durch diese Eskalation einer Bande von Chaoten in der Bedeutungslosigkeit verschwinden – oder noch schlimmer sogar mit diesen Gewalttätern in einen Topf geworfen werden.

Unter vielen Kommentaren in den Sozialen Medien waren nicht wenige, die Sympathien für die autonome Szene hegen und Verständnis mit der linksradikalen Szene haben. Okay, es ist nötig, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Schließlich werden wir nicht klüger dadurch, wenn wir nur denen zuhören, die sowieso schon unsere Meinung teilen. Deshalb befürworte ich prinzipiell den Austausch – auch zwischen extremen Positionen, ohne sie mir selbst zu eigen zu machen. Aber ich bin der Meinung, Leute sollen und müssen sogar miteinander reden, die sonst eher den Kontakt zueinander meiden.

Es darf gerade nicht sein, dass der Protest keine Stimme mehr bekommt. Wohin das führt, kann man zum Beispiel an der Türkei sehen. (Ich bin jetzt schon gespannt, was der türkische Präsident sagen wird, wenn wir hier in Deutschland oder auch in Dänemark das nächste mal das harte Vorgehen seiner Bodyguards oder seiner Sicherheitskräfte diskutieren und kritisieren. Dass das dann eine Umkehr der Ausgangslage ist, wird ihn sicherlich nicht interessieren).

Aber wir müssen weiter um den besten Weg streiten – allerdings definitiv ohne Gewalt! Straftaten bleiben Straftaten und gehören mit der ganzen Härte des Gesetzes verfolgt. Und an alle „Ursache-und-Wirkung-Verdreher“: Es ist keine Straftat, wenn sich Regierungschefs treffen und unterhalten. Es ist nicht mal eine Ordnungswidrigkeit. Es ist ihre Pflicht!

Günter Schwarz – 08.07.2017