Selten trieb ein größerer Eisberg vor der Antarktis als das gerade vom „Larsen C“- Schelf abgebrochene Exemplar. Dies wird als Omen des Klimawandels gehandelt. Doch solche Berge entstehen häufiger.

Jetzt ist er also da, der ominöse Eisberg in der Antarktis; ein amerikanischer Satellit hat ihn am Mittwoch im Meer entdeckt. Monatelang wurde über ihn spekuliert – vor allem wegen seiner Ausmasse: Der neu entstandene Eisberg – eigentlich eine Eis-Insel – misst etwa 5800 Quadratkilometer. Das entspricht zirka der sechsfachen Fläche der Insel Rügen.

Der neue Eisberg ist irgendwann zwischen Montag und Mittwoch von Larsen C abgebrochen, einem Schelfeis an der Ostküste der Antarktischen Halbinsel. Schelfeise sind Tafeln aus Gletschereis, das auf dem Wasser aufschwimmt. Ein Riss in Larsen C war in den vergangenen Jahren immer weiter gewachsen. Schliesslich gab nun die letzte noch bestehende Eisbrücke nach.

Solch riesige Tafeleisberge sind nicht so selten, wie man denken könnte. Ähnlich große Exemplare dümpelten in den Jahren 1987, 1998 und 2002 im Südpolarmeer, und der Gigant B 15 von 2000 war sogar doppelt so groß.

Dynamik des Zerfalls möglich

Der Meeresspiegel steigt wegen des neuen Eisbergs nicht schneller als zuvor, denn das Eis schwamm ja schon seit vielen Jahren im Meerwasser, so dass sich an der Verdrängung nichts geändert hat. Allerdings könnte durch den Abbruch des riesigen Eisbergs eine Dynamik des Zerfalls in Gang kommen: An der Kante könnte das dezimierte Schelfeis nämlich vermehrt Eisberge kalben und dann nach und nach zerbrechen. Sofern diese Entwicklung eintritt, flössen diejenigen Gletscher auf der Antarktischen Halbinsel, die das Schelfeis nähren und denen anschliessend ein Widerlager fehlen würde, schneller als zuvor.

Eric Rignot von der University of California hat ausgerechnet, dass der Meeresspiegel in der Folge um bis zu einen Zentimeter zusätzlich angehoben werden würde. Die in der Öffentlichkeit kursierende Angabe von zehn Zentimetern ist laut Rignot ein Fehler. Ob Larsen C tatsächlich zerfallen wird – und, wenn ja, wie schnell das abliefe –, wissen die Wissenschafter allerdings nicht. Gleichfalls möglich ist eine langsame Erholung des Schelfeises.
Die Glaziologin Helen Fricker von der Scripps Institution of Oceanography in San Diego in Kalifornien warnte kürzlich davor, zu viel in das Auftreten des neuen Eisbergs hineinzulesen. Dass Schelfeise von Zeit zu Zeit große Eisberge kalben, sei ein Teil natürlicher Zyklen, schrieb sie in der britischen Zeitung „The Guardian“. Gemeint war: Der Schnee, der im Innern der Antarktis fällt, wird zu Eis, das per Gletscherstrom zur Küste fliesst. Schliesslich endet es als Eisberg im Meer. All das dauert Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende.

Fricker sieht ihre Profession in einem Dilemma: Einerseits wolle man, dass die Menschen sich dessen bewusst seien, was sich aufgrund des Klimawandels in der Antarktis ereignen könnte. „Aber das Übertreiben von Forschungsresultaten, damit etwas nach Klimawandel aussieht, obwohl es sich bloss um ein verbessertes Verständnis natürlicher Prozesse handelt, ist irreführend.“ Es sei nicht notwendig, wegen Larsen C „den Panikknopf zu drücken“, sagte sie.

Sorgenvolle Vorgänge

Jean Tournadre vom französischen Meeresforschungsinstitut Ifremer in Brest hat untersucht, wie oft Eisberge im Südpolarmeer auftreten. Demnach schwankt ihre Häufigkeit stark, ebenso das Erscheinen besonders grosser Exemplare. Einen statistisch signifikanten Trend zur Vergrösserung des Eisvolumens, das von der vergletscherten Antarktis abbreche, könne man seit Beginn der Messdaten im Jahr 1992 nicht feststellen, sagt er auf Nachfrage. Die Wahrscheinlichkeit, dass Eisberge entstehen, hänge aber von Umweltbedingungen ab, auf die der Klimawandel einen Einfluss ausübe.

Es gibt in der Tat Vorgänge in der Antarktis, die Sorgen bereiten können. Sie betreffen eher die südwestlich an die Antarktische Halbinsel grenzende Westantarktis. «Das ist eine völlig andere Geschichte als Larsen C», sagt die Glaziologin Fricker auf Nachfrage. Die meisten westantarktischen Gletscher sitzen unterhalb der Wasserlinie auf dem Felsgrund auf. Einige Forscher warnen davor, dass diese Gletscher in den kommenden Jahrhunderten unaufhaltsam ins Meer rutschen und den Meeresspiegel um drei Meter steigen lassen könnten – vor allem dann, wenn erwärmtes Meerwasser unter das Eis vordringt.

von

Günter Schwarz – 12.07.2017