(Frankfurt/Main) – Mobbing, Raufereien und hilflose Organisatoren: In den Chaos-Lesungen eines Verlegers der Neuen Rechten, unter anderem mit dem AFD-Rechtsradikalen Björn Höcke wurde am Ende des Wochenendes die Frankfurter Buchmesse überschattet. Die Veranstaltungen wurden am Samstagabend abgesagt. Die Buchmesse, die sich eigentlich als Forum für den freien Gedankenaustausch versteht, ist ein Indiz für die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft.

Zu den Organisatoren der weltweit größten Buchausstellung gehörten rund 1.000 Autoren und rund 4.000 Veranstaltungen mit insgesamt 286 425 Besuchern. Am vergangenen Wochenende gab es einen Anstieg der Besucherzahlen um 6,5 Prozent an den drei Handelstagen. Ehrengast dieses Jahr war Frankreich und die französischsprachige Welt, wobei zur Messeeröffnung sogar der französische Staatspräsident Macron angereist war.

Am Samstag waren Demonstranten mit lauten Protesten die Teilnehmer einer Buchpräsentation des rechten Verlages Antaios – darunter Björn Höcke – entgegengetreten. Während einige „Nazis raus“ sangen, schrien andere: „Jeder hasst die Antifa“. Eine große Polizeipräsenz war in der Halle 4.2 im Einsatz, um beide Seiten voneinander zu trennen. Laut Polizeibericht vom Sonntag waren bis zu 400 Personen aus beiden Lagern an der Konfrontation beteiligt. Mehrere Personen wurden kurzzeitig festgenommen.

Tumulte auf der Frankfurter Buchmesse gegen rechtsgerichteten Verlag

Am Ende der Buchmesse verteidigten die Organisatoren erneut die Präsenz von rechten Verlagen. Es war „das Grundrecht auf freie Meinungsäusserung“, sagten sie am Sonntagabend in einer Stellungnahme. Es galt, die politische Haltung und Publishing-Aktivitäten der so genannten „Neuen Rechten“ zu demonstrieren.

„Gewalt als Mittel zur Beilegung von Differenzen verurteilen wir aufs Schärfste“, sagte Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. Boos hatte die Anwesenheit von rechtsextremen Verlegern zuvor mit einem Plädoyer für die freie Meinungsäußerung verteidigt.

Der Eskalation der Ereignisse am Samstag waren bereits Zusammenstöße in den Tagen zuvor vorangegangen. Die Stände der rechten Verleger waren Ziel von Angriffen politischer Gegner. In der Nacht vom Freitag wurde ein Gemeinschaftsstand der Zeitschrift „Turbulenzen“ und des Verlags Manuscriptum von Unbekannten zerstört. Verleger der Neuen Rechten warfen den Buchmesse-Organisatoren, dem Verein Deutscher Buchhandel, vor, ihre Stände gegen linke Aktivisten nicht ausreichend geschützt zu haben.

Am Freitag kam es bei einer Lesung der rechtsgerichteten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ zu einer gewalttätigen Konfrontation. Dabei wurde der Herausgeber des linken Trikont-Musikverlags mit einem Faustschlag auf die Lippe verletzt. Trikont-Chef Achim Bergmann hatte demnach schon vorab die Lesung mit einem Kommentar bedacht. Der Verleger musste im Krankenhaus behandelt werden.

Am Samstagabend stellte Antaios das Buch „Leben mit der Linken“ unter seinem Verleger Götz Kubitschek zusammen mit Höcke das vor. Später wurde eine weitere Lesung zweier Autoren der rechtsextremen Identitätsbewegung durch lautstarke Proteste abgebrochen. Antaeus tweetete später: „Zugegeben, wir könnten ,mit der Linken leben‘ für die Idee, besser einen anderen Saal zu buchen.

Jutta Ditfurth, die im Frankfurter Stadtparlament sitzt, kritisierte die Organisatoren der Buchmesse: „Wer Nazis einlädt, hat Nazis auf der Messe und – oh Wunder, die sich dann wie Nazis verhalten!“ Ein Publizist schreibt: „Dialogversuche und Einladungen an Nazis illustrieren die Gleichgültigkeit, wenn nicht die Verachtung, die die Opfer der Vergangenheit und Gegenwart erfahren.“.

Videobeitrag zum Auftritt rechter Verlage auf der Frankfurter Buchmesse des ehemaligen Poetry-Slammers und Stand-Up Künstlers, Bühnenliteraten und Kabarettisten Moritz Neumeier unter dem Titel „Bücherverbrennung“. Neumeier verknüpt fein beobachtete Alltagsereignisse mit Poesie und knallharte Realität.

von

Günter Schwarz – 20.10.2017