(Altmark) – Schnöggersburg ist eine ehemalige Dorf- und Forststelle in der Colbitz-Letzlinger Heide. Bis in die 1930er-Jahre war das Dorf Schnöggersburg Luftkurort und wurde als Naherholungsgebiet für den Raum Magdeburg genutzt. Die Gehöfte wurden in den Jahren 1933 bis 1936 mit der Einrichtung der Heeresversuchsanstalt Hillersleben und der Anlage der nördlich angrenzenden 29 Kilometer langen Schießbahn abgerissen und die Bewohner zwangsumgesiedelt. Auch der weiter östlich gelegene Ersatzstandort Neu-Schnöggersburg wurde während des Krieges 1941 geräumt und die Einwohner abermals umgesiedelt.

In den folgenden 70 Jahren lag das Dorf wüst und verschwand vollständig im Übungsbetrieb der verschiedenen Nutzer wie den der in der ehemaligen DDR stationierten Roten Armee. Jetzt ist das Gebiet ein Teil des Truppenübungsplatzes Altmark ebenso wie die ehemaligen Dorfstellen Salchau und Paxförde und gehört zum Gefechtsübungszentrums Heer (GÜZ).

Am gestrigen Mittwoch übernahm die Bundeswehr den ersten Teil der ersten „Großstadt“ in der Altmark. Wohnen wird in der für diesen Teil Sachsen-Anhalts eher untypischen Metropole jedoch niemand. Die Bundeswehr und sicherlich auch andere NATO-Armeen werden dort in Zukunft den Kriegseinsatz im urbanen Umfeld üben.

Somit wird es in der Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt künftig noch mehr militärische Bewegung geben. Die Kriegsübungsstadt namens „Schnöggersburg“ auf dem Truppenübungsplatz Altmark, nördlich von Magdeburg, ist nunmehr fast fertig, und am heutigen Donnerstag wird ein Großteil der sechseinhalb Quadratkilometer großen Geistermetropole an die Bundeswehr übergeben.

Schnöggersburg, die Übungsstadt in der Letzlinger Heide

Busfahrt durch Schöggersburg zum Tag der offenen Tür im Gefechtsübungszentrum Heer am 26.August 2017. Mit dem Bau der Übungsstadt in der Letzlinger Heide wurde 2012 begonnen, in dieser sollen die Soldaten im Stadt- und Häuserkampf ausgebildet werden. Es sollen 520 Gebäude entstehen, auch ein Industriegebiet, Verwaltungsgebäude, Hochhäuser, Brücken, ein Fluß, eine Autobahn, eine U-Bahn mit 3 Stationen, 1500m Kanalisation, ein Flugplatz und ein Bahnhof. Die Übungsstadt soll 2020 planmäßig fertig werden.

Die Bundesregierung hatte den Bau von „Schnöggersburg“ lange im Geheimen vorbereitet und geplant. Als Journalisten erstmals im Frühjahr 2012 Wind von dem Projekt bekamen und darüber berichteten, waren die Verträge längst in „Sack und Pack“. Fünf Jahre nach der Grundsteinlegung ist eine Stadt entstanden, die das Ambienteeiner westlichen Metropole entspricht und in der niemals jemand wohnen wird.

„In ,Schnöggersburg‘ werden typische Elemente eines urbanen Ballungsraumes abgebildet, um Soldaten für Einsätze in bebauten Gebieten optimal vorzubereiten“, teilte die Bundeswehr in ihrer Einladung zum Event an Pressevertreter mit. Soldaten sollen die Journalisten zum Beispiel durch die Altstadt mit Marktplatz führen. Dort sind mehr als 500 Gebäude sowie Straßen und Wege samt Kanalisation entstanden. Ein künstlicher Fluss mit mehreren Brücken schlängelt sich durch das Großstadtambiente. In der Stadt gibt es neben Wohngebieten auch Hochhäuser und Hotels, ein Stadion, ein Industriegebiet, ein Regierungsviertel, eine Autobahn, ein Gefängnis, ein Elendsviertel sowie einen Sakralbau mit sowohl christlichen und jüdischen als auch muslimischen Elementen.

Durch „Schnöggersburg“ fährt auch die einzige U-Bahn Sachsen-Anhalts. Sie verfügt über drei Stationen, der dazugehörige Tunnel ist laut Bundeswehr 350 Meter lang. Auf dem Flugplatz mit Tower, Abfertigungshalle und allem Drum und Dran landete bereits vor etwa einem Jahr eine Transall-Maschine der Bundeswehr zur Probe.

Die Kosten für die Geisterstadt beziffert das Bundesfinanzministerium derzeit auf rund 140 Millionen Euro. Auftraggeber ist das Bundesverteidigungsministerium (BMVg). Das Land Sachsen-Anhalt übernahm den Part des Bauherrn im Rahmen der Amtshilfe, zunächst unter einer CDU-SPD-Koalition. Die seit 2016 mitregierenden Grünen sind offensichtlich von ihrer anfänglichen Skepsis abgerückt. Vor einigen Jahren hatten sie noch vergeblich gegen „Schnöggersburg“ geklagt. Die seit einem Jahr im Landtag vertretene AfD hat bis dato erst gar keine Vorbehalte gegen das Projekt laut werden lassen – was daran liegen könnte, dass viele ihrer Politiker das Szenario zeitnaher bürgerkriegsähnlicher Zustände in deutschen Städten für durchaus realistisch erachten.

Die Bundeswehr lobte die allgemeine Beflissenheit rund um das Projekt: „Die vom Landesbetrieb Bau- und Liegenschaftsmanagement Sachsen-Anhalt geleitete Baustelle ist eine der größten Infrastrukturmaßnahmen innerhalb dieses Bundeslandes.“ Für den passenden Rahmen werden bei der heutigen Übergabe an die Bundeswehr sicher gut bezahlte Politiker und Militärs sorgen. Wie die Bundeswehr mitteilte, gehören zu den geladenen Gästen unter anderem der Parlamentarische Staatssekretär im BMVg, Markus Grübel (CDU), Sachsen-Anhalts Finanzminister André Schröder (CDU) und der Kommandeur der Multinationalen Korps des Heeres, Generalleutnant Frank Leidenberger.

Mitglieder der Linkspartei vermuteten schon vor Jahren, dass es in „Schnöggersburg“ nicht nur darum gehen könnte, die Truppen für Kriegseinsätze außerhalb Europas fit zu machen. Möglicherweise habe das Verteidigungsministerium auch soziale Unruhen in Europa selbst auf dem Schirm und sieht eine Notwendigkeit darin, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten.

So relativierte zum Beispiel das Bundesverfassungsgericht während der Planungsphase von „Schnöggersburg“ im Juli 2012 das Verbot des Einsatzes militärischer Kräfte im Inland. Danach kann die Bundeswehr unter bestimmten Voraussetzungen, wie „Ausnahmesituationen katastrophischen Ausmaßes“ auch im Inneren militärisch tätig werden, was bislang mit Ausnahme von Naturkatastrophen wie beispielsweise die „Oderflut“ von 1997 und auch 2002 gänzlich ausgeschlossen war. Welche Vorkommnisse jetzt letztlich als solche gewertet werden könnten, bleibt völlig unklar.

Bereits im Jahr 1999 hatte die Europäische Union beschlossen, eine EU-Eingreiftruppe zu bilden. Es entstand eine militärische Polizei mit Sitz im italienischen Vicenza, die 2006 für vollständig einsatzbereit erklärt wurde. Sie kann demnach unter das Kommando der EU, der Vereinten Nationen, der NATO, der OSZE sowie anderer internationaler Organisationen gestellt werden. Ihr Auftrag ist ein so genanntes „Krisenmanagement“.

In „Schnöggersburg“ können künftig bis zu 1.500 Soldaten zeitgleich trainieren. Der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall wird sie zum Beispiel mit lasergestützter Simulationstechnik ausstatten. Seit vielen Jahren verdient das Unternehmen kräftig mit am Gefechtsübungszentrum in der Altmark. Der 232 Quadratkilometer große Truppenübungsplatz gilt als einer der größten und modernsten Europas. Jährlich sollen dort rund 20.000 Soldaten den letzten Schliff für Kriegseinsätze erhalten.

Die GÜZ-Kommando-Zentrale befindet sich im Altmark-Dorf Letzlingen nahe der Kleinstadt Gardelegen. Rheinmetall betreibt dort ein eigenes Dienstleistungszentrum. Von 2000 bis 2012 sprudelten dafür zehn bis 35 Millionen Euro jährlich in die Konzernkassen, wie aus einer Regierungsantwort an die Linksfraktion vom Herbst 2012 hervorgeht. Die Bundeswehr hatte den Vertrag mit dem Rüstungsgiganten zuletzt 2014 um vier weitere Jahre verlängert.
Vor einem Jahr meldete Rheinmetall zusätzliche Aufträge. Der Konzern soll demnach für 24 Millionen Euro unter anderem die Software erweitern und das Datenkommunikationssystem des Gefechtsübungszentrums modernisieren. Das Bundesamt für Aufrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr habe Rheinmetall beauftragt, die Durchführung von sogenannten MOUT-Übungen (Military operations in urban terrain, zu Deutsch: militärische Operationen in städtischem Gelände) vorzubereiten.

Wenn es um den Truppenübungsplatz geht, berichteten die lokalen Medien wie die „Volksstimme“ und die „Altmark-Zeitung“ selten kritisch über die militärische Aufrüstung. Sie singen lieber Loblieder auf die Bundeswehr als Beschafferin von Arbeitsplätzen und Ankurblerin der Wirtschaft durch einkaufende Soldaten, die die Kaufkraft in der Region stärken. Ähnlich verhält sich die Politik. Etliche Anliegergemeinden haben Partnerschaftsverträge mit dem Heer geschlossen, darunter etwa die Kreisstadt Haldensleben.

Mehr noch: Auch die Jüngsten werden bereits eingebunden. So lebt die Truppe zum Beispiel eine Patenschaft mit der Grundschule in Letzlingen. Mit den Erst- bis Viertklässlern praktiziert sie regelmäßig Biwak-Camps und Freizeitgestaltung mit Spiel, Spaß und Sport, zuletzt zum Kindertag am 1. Juni dieses Jahres. Ein solches Projekt fand bereits zum achten Mal statt, lobte Grundschulleiterin Silvia Lehmann in diesem Frühsommer gegenüber der „Volksstimme“.

Mit Tagen der offenen Tür und Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit lockt die Bundeswehr ferner regelmäßig Groß und Klein an. „Aus vielen Familien in der Region arbeitet jemand beim Militär oder auf der Baustelle von ,Schnöggersburg’“, sagte ein Mitglied der Bürgerinitiative Offene Heide, die sich seit rund 24 Jahren für eine zivile Nutzung des Militärareals einsetzt.

Mit einem Friedensweg demonstriert eine Friedens-Initiative dennoch jeden ersten Sonntag im Monat gegen die Aufrüstung des Übungsplatzes an unterschiedlichen Anrainerorten. Doch der Zulauf ist mit den Jahren geringer geworden. Ähnliches zeichnet sich beim Protestcamp unter dem Motto „War starts here“ (Krieg beginnt hier) ab. Seit 2012 findet es jeden Sommer im Dorf Potzehne in der Altmark statt. Mehrfach hatten Aktivisten zudem „Schnöggersburg“ besetzt, wurden aufgegriffen und in Bonn – dem Sitz der Bundeswehr – vor Gericht gestellt. Auch heute soll es eine Mahnwache in Letzlingen gegen die Teilübergabe der Kriegsübungsstadt geben.

von

Günter Schwarz – 26.10.2017