Wir haben in der vergangenen Woche ein kleines „Krisenmeeting“ halten müssen, um über die Zukunft dieser wöchentlichen Kolumne abzustimmen. Die Grundidee von kiel iNSITE war, nach und nach die Geheimtipps in Kiel auszugraben. Wo bekommt man eine Buch-Neuerscheinung? Wer hat in Kiel den besten Kaffee oder wo gibt es kostenlose WLan-Hotspots? In welchen Läden oder Cafés könnte man dazu noch relativ ungestört mit einem Laptop sitzen und arbeiten?

Nun sitzen wir mit Anna an der Hörn und trinken eine Tasse Kaffee von der ARAL-Tankstelle aus einem Pappbecher. Klar könnten wir um die Förde herumwandern: Zum Bootshafen oder Alten Markt und dort einen Kaffee trinken. Wir können auch ein Buch lesen und dessen Neuerscheinung bei Hugendubel feiern und dort Bilder machen. Die aus Irkutsk in Russland stammende Anna und ihre Freundin hätten sogar Lust dazu, Bücher zu lesen oder durch Kiel zu wandern.

Annas ebenfalls aus Irkutsk stammende Freundin hatte sogar angeregt, das Format auf ein „Zwischen Nord- und Ostsee“ auszuweiten und die Besonderheiten der Region zu entdecken und zu beschreiben. Das Problem dabei wäre nur, dass wir uns es nicht leisten können. Noch hat uns kein Café, welches wir hier anpreisen, einen Kaffee spendiert und kein Hugendubel der Welt käme auf die Idee, uns zu bezahlen oder den beiden sympathischen Russinnen gar ein Rezensionsexemplar zu überlassen. Die Leser dieser Kolumne würden es uns auch nicht danken, wenn man verriete, wo in Schleswig-Holstein man frische ökologische Produkte aus der Region kaufen kann oder welche der vielen Museen in Schleswig-Holstein besonders kinderfreundlich sind und sich für einen Tagesausflug lohnen. Das müssten wir auf eigene Kosten machen.

Also haben wir tatsächlich ein Buch gelesen: „Fahrenheit 451“ ist ein utopischer Roman von Ray Bradbury, welches eine Gesellschaft skizziert, in der Bücher abgeschafft und verboten sind, weil sie Menschen nur verwirren und unglücklich machen würden. In Bradburys Szenario war es aber nicht der Staat, der die Bücher abgeschafft hat, sondern die Bürger selbst. Man möge uns verzeihen, aber wir beobachten diesen Trend einer dichtgedrängten Mehrheitsdiktatur gegen Kreativität auch bei Facebook: Kolumnen wie unsere finden selten viele Leser – und schon gar keine, die dafür bezahlen würden. Konsumiert wird gern. Natürlich will man wissen, wo es leckeren Kaffee gibt. Und wenn wir dazu noch ein Foto der langbeinigen Anna posten: umso besser. Auch das wird dann gern konsumiert. Bevor jedoch jemand einmal „Danke“ sagt, ist es wahrscheinlicher, dass man uns jeden Tippfehler um die Ohren schlägt, uns dafür als saudämlich beschimpft und bespuckt oder vielleicht sogar droht, uns zu melden und blockieren zu lassen. Das ist Facebook.

Einem Kieler E-Rollifahrer ist dieser Trend schon vor ein paar Jahren aufgefallen. Der halbseitig gelähmte Türke engagierte deswegen eine Bekannte, mit der er die „Kieler OnLineCommunity KIEL-CITY.COM auf den Weg brachte, die grundsätzlich alle Funktionen von Facebook aufgreift. Man kann sich kostenlos anmelden, Profile einrichten, Kurznachrichten und Bilder Posten oder sich gegenseitig Nachrichten schicken und Bilder „liken“. Das sollte die Kieler freuen, sollte man meinen. Pusteblume! In den drei Jahren seines Bestehens meldeten sich gerade einmal zwei Leute auf der Seite an. Die Kieler betreiben da viel lieber eine neue Kiel-Gruppe auf Facebook und versorgen US-Amerikanische Konzerne und die NSA mit noch mehr Daten, anstatt die innovative und arbeitsaufwendige Idee eines Kieler Mannes zu würdigen.

Innovation und Kreativität stirbt nicht an dem Bemühen solcher Konzerne wie Facebook & Co., Mitbewerber aus dem Feld zu drücken: Innovation und Kreativität stirbt an der Messerspitze der dichtgedrängten dummen Masse der Gesellschaft. In Ray Bradburys Roman zitiert einer der Protagonisten: „Wenn die Guten schweigen, überlassen sie die Welt den Bösen“. Ganz ebenso kann man für den Kiel-City-Türken sprechen oder Anna und ihre Freundin. Wenn solche Leute ihre Ideen nicht mehr auf eigene Kosten umsetzen, bibt es nur noch von Konzernen organisierte Werbung. Dann geht es allerdings nicht mehr darum, welches der Bücher wirklich lesenswert ist, sondern welcher Verlag am meisten für seine Werbekampagne an Facebook zahlt.

Befremdlich dabei finden wir lediglich, wie viele Menschen es gibt, die ihren Lebensinhalt darin zu finden scheinen, ihr Facebook so dumm und unkreativ wie möglich zu halten, indem man Künstler und Kreative beleidigt oder bedroht – oder zur Not bei Facebook als „Spam“ meldet. Wenn Facebook Bilder von antiken Kunstwerken löscht, dann nicht nur, weil auf dem einen oder anderen Bild vielleicht eine weibliche Brust zu sehen ist, sondern vornehmlich weil einer der Facebook-User sich von dieser Kunst gestört fühlt und sie meldet! Die „Dummheit“ der Masse wird auf kaum einer anderen Plattform so deutlich, wie auf Facebook. Das sog. „soziale Netzwerk“ mag vieles sein: nur nicht sozial! Uns soll das egal sein: möge der Facebook User sich seine Welt bauen, wie sie ihm gefällt und in Hass-Pöbeleien und Katzenbildern ertrinken. Wir suchen andere Wege, unsere Buchempfehlungen loszuwerden … und ein gemütliches Café werden wir da sicher auch finden. Auf Facebook verraten wir es dann allerdings nicht.

Anna & Michael 28. Oktober 2017