(Berlin-Mariendorf) – Nirgendwo in Deutschland vermischen sich kirchliche und Nazisymbole so stark wie in dem protestantischen Gotteshaus in Berlin-Mariendorf. Die Bürde der Nazi-Vergangenheit lastet noch heute auf dieser Kirche: Die Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin-Mariendorf wurde zwar bereits in den 1920er-Jahren geplant, doch erst 1933, nach der Machtergreifung Hitlers, fand die Grundsteinlegung des Gotteshauses statt – und die Nazis hinterließen „ihre Spuren”!

Der Architekt Curt Steinberg bestückte während des Baus den Innenraum der Kirche mit zahlreichen Nazi-Symbolen – diese sind größtenteils noch heute zu sehen. Wer in die Kirche tritt, staunt zunächst nicht schlecht, denn der Kirchenboden ist nicht eben, sondern fällt leicht ab wie in einem Kinosaal. Ein riesiger Triumphbogen mit über 800 Keramikkacheln umrahmt den Altar. „Das Bildprogramm dieses Triumphbogens verknüpft systematisch christliche und nationalsozialistische Symbole“, sagt die Kunsthistorikerin Beate Rossié, die sich intensiv mit der Martin-Luther-Gedächtniskirche befasst hat.

„Das Bildprogramm dieses Triumphbogens verknüpft systematisch christliche und nationalsozialistische Symbole“,
sagt die Kunsthistorikerin Beate Rossié

Es gibt christliche Symbole wie die Taube des Heiligen Geistes oder die Dornenkrone. Daneben ist aber auch ein Reichsadler zu sehen. In seinen Klauen trug er das Hakenkreuz, das nach 1945 entfernt wurde. Geblieben aber sind die zweideutig-eindeutigen Symbole.


In der Martin-Luther-Kirche findet sich ein Reichsadler. Einst hielt der Adler mit den Klauen das Hakenkreuz.
Die Symbole von Sichel und Kreuz oder eine Faust mit Hammer würden von Besuchern oft fälschlicherweise als Referenzen an den Kommunismus missdeutet, sagt Beate Rossié. Die Sichel beziehe sich aber auf den sogenannten Reichsnährstand – die Bauern im Nationalsozialismus. Der Hammer sei ein von der NS-Propaganda oft benutztes Symbol für die Arbeiter im Nationalsozialismus.

Den Taufstein zieren das Bildnis eines SA-Mannes. Einer von Hitlers „Braunhemden“ – und eine „deutsche Mutter“ und zwei Kinder, ein Mädchen mit Zöpfen und ein Junge mit kurzen Hosen.

In einer zeitgenössischen Quelle, der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, hieß es, am Taufstein sei die „deutsche Familie“ dargestellt. In die hölzerne Kanzel sind ein SA-Mann und ein Soldat mit Stahlhelm eingeschnitzt. Dargestellt wird zwar Christus und seine Bergpredigt, aber dieser Christus in der athletischen Figur eines Führers sei umringt von der „Deutschen Volksgemeinschaft“, weiß Beate Rossié.

Selbst die Christusfigur am Altar ist besonders: „Am Kruzifix hängt ein athletischer Jesus als Führerfigur. Jesus durfte auf keinen Fall ein Jude sein, sondern man folgte kruden Legenden aus dem 19. Jahrhundert, wonach er ein Arier gewesen sei“, erklärt Beate Rossié.

„Wir sind der Meinung, es ist eine Kirche, es soll eine Kirche bleiben“, meint Gemeindemitglied Klaus Wirbel.

Dreht man sich um, sieht man eine gewaltige und eindrückliche Orgel. Sie kam 1935 am Reichsparteitag in Nürnberg zum Einsatz, wo die Rassengesetze verkündet wurden und der Holocaust seinen Anfang nahm. „Bevor die Orgel in die Kirche eingebaut wurde, wurde sie mit 36 Lautsprechern und einem grossen Symphonieorchester in Nürnberg genutzt“, erzählt der Kantor Friedrich-Wilhelm Schulze, der seit 19 Jahren auf dieser Orgel spielt. Orgeln seien von den Nazis deshalb sehr geliebt worden, weil Hitler oft als Organist bezeichnet wurde, der die Orgel, das Volk, zum klingen bringe, sagt Beate Rossié.


Am Taufbecken der Kirche sticht die Statue eines SA-Mannes ins Auge. Einer von Hitlers „Braunhemden“.
Im Vorraum der Kirche ist die Deckenlampe in Form eines Eisernen Kreuzes geformt – das ist eine Referenz an die Gefallenen des 1. Weltkriegs. Dort, wo heute eine Büste von Martin Luther hängt, war früher das Konterfei von Adolf Hitler zu sehen.

Wie in einer Kirche predigen, in der die Bilder eine ganz andere Sprache sprechen? Lange Jahre waren die Nazi-Symbole kein Thema, so wie auch das Haus der Wannseekonferenz, in dem die Ermordung der Juden beschlossen worden war, bis 1992 ein Landschulheim war.

Erst als der Turm einzustürzen drohte, kamen auch die unheiligen Symbole ins Bewusstsein. In der Kirche wird nun ein „Auschwitz-Zyklus“ eines polnischen Künstlers ausgestellt, ein Kreuz aus Nägeln der Kathedrale von Coventry ist aufgestellt; Coventry wurde von den Nazis als eine der ersten Städte im 2. Weltkrieg fast völlig zerstört. Die Gemeinde hat sich an die Nazi-Symbole gewöhnt. „Wir sind der Meinung, es ist eine Kirche, es soll eine Kirche bleiben, auch wenn sie eine Erinnerung hat, aber wir müssen aus dieser Erinnerung lernen“, sagt Gemeindemitglied Klaus Wirbel.

Tatsächlich haben die katholische und protestantische Kirche nach dem 2. Weltkrieg eingestanden, dass sie sich zu wenig gegen Hitler und den Nationalsozialismus zur Wehr gesetzt haben. Es gab sogar während des Dritten Reichs die sogenannten „Deutschen Christen“, die sich aktiv für das Dritte Reich einsetzten und ein nationalsozialistisches Christentum propagierten. Sie konnten sich zwar nicht wirklich durchsetzen – nach 1937 wurden sie zunehmend unwichtiger – aber vor allem in den frühen 1930er-Jahren lieferten sie sich einen erbitterten Kirchenkampf mit Teilen der protestantischen Kirche.

Wo sie sich durchsetzen konnten, wurden Gottesdienste mit Hakenkreuzfahnen gefeiert, das Horst-Wessel-Lied, die inoffizielle Hymne der Nazis, erklang auf der Orgel, es gab Dankgottesdienste zum Jahrestag von Hitlers Machtergreifung. Es wurden Massentrauungen abgehalten, Fahnen geweiht, SA-Männer in Uniform bezogen rechts und links neben dem Altar Position, Pfarrer predigten mit dem Eisernen Kreuz am Hals, und Kirchenbücher wurden an die „Reichsstelle für Sippenforschung“ ausgehändigt, um Juden und Sinti und Roma ausfindig zu machen und in Konzentrationslager zu deportieren.

In der Zeitung der Deutschen Christen, dem „Evangelium im Dritten Reich“ wurde von einem „heldischen Christus“ und einer „wehrhaften Christenheit“ geschrieben. Hitler wurde immer wieder mit Martin Luther gleichgesetzt, der von den Nazis, vor allem wegen seines Antisemitismus instrumentalisiert wurde. Wo Christus „über die Jahrtausende zu uns spricht, da spüren wir nichts Weichliches. Es ist eine harte Liebe, eine männliche Entschiedenheit“, eine „rauhe, klare Luft“ um Jesus, war im Evangelium im Dritten Reich 1934 zu lesen.

Hitler wurde von den Deutschen Christen wie ein Jesus gefeiert. Zu Silvester 1933 veröffentlichte die Zeitschrift der Nazi-Christen, das „Evangelium im Dritten Reich“, ein Jubelgedicht auf Hitler und die Machtergreifung im Januar 1933: „Was für ein Jahr ist es gewesen? Es gab uns wieder Hoffnung und Glauben ins Herz, Eisen ins Blut, Stahl in die Seelen, mit einem Wort, es bescherte uns wieder Größe. Von diesem Jahr gilt das alte Kampfeswort: Silvesterglocken hebt an zu läuten. Eisern und ehern sind wieder die Zeiten!“

von

Günter Schwarz – 11.11.2017