Bei einem Sturm in der Nordsee, der als Zweite Marcellusflut oder „Grote Mandränke“ bekannt ist, verschwindet am 16. Januar 1362 die nordfriesische Stadt Rungholt im Meer.

Rungholt war eine Stadt und ein Rechtsgebiet [„Dingspil“, von germanisch „Thing“ und althochdeutsch „spël“ („Rede“)] in der nordfriesischen Küstenlandschaft Strand – ab dem 13. Jahrhundert auch ein Kirchspiel (altfriesisch „kerspel“). Es wurde in der Zweiten Marcellusflut, die auch als „Grote Mandränke“ bekannt ist, am 16. Januar 1362 oder einer der folgenden Sturmfluten zerstört.

Die beiden zusammengehörenden Siedlungen „Grote Rungholt“ und „Lütke Rungholt“ bildeten gemeinsam den Hauptort eines Verwaltungsbezirks, der Edomsharde. Diese war eine von fünf Harden der Landschaft Strand. Die Landschaft Strand war Teil der ab der Wikingerzeit von Friesen, den „Königsfriesen“, besiedelten Uthlande. In direkter Nachbarschaft zu Rungholt lag der ebenfalls im 14. Jahrhundert versunkene Ort Niedam.

Nach der verheerenden Zweiten Marcellusflut 1362 wurden einige Teile des ehemaligen Rungholt-Gebietes erneut besiedelt, gingen aber in der Sturmflut von 1634 unter. Von Alt-Nordstrand sind nur noch die Halbinsel Nordstrand, die Insel Pellworm und die Hallig Nordstrandischmoor übrig; die restlichen Gebiete gingen in der Sturmflut von 1634 verloren und wurden Wattenmeer.

Der Untergrund Rungholts bestand aus einer Torflinse, die der Überspülung nicht widerstand. Die Sturmflut bildete einen vorhandenen Fluss zu einem tiefen und großen Priel um, der heutigen Norderhever.

Lange Zeit gab es keinen materiellen Beleg aus der Zeit des Ortes vor 1362, der die Existenz Rungholts belegen konnte. Zeitgenössische Berichte existieren nicht mehr. Zwar hatten Chronisten des 17. Jahrhunderts wie Matthias Boetius und Anton Heimreich Sagen von einer im 14. Jahrhundert untergegangenen Stadt wiedergegeben und von Funden im Watt berichtet, doch erst zwischen 1921 und 1938 spülten die Gezeiten im Watt nördlich von Südfall wieder Überreste von Warften, Bauten und Zisternen frei. Die Funde wurden systematisch erfasst und erforscht und konnten Angaben auf alten Karten bestätigen.

Besonders bedeutsam ist dabei die Karte von Johannes Mejer von 1636, die selbst auf einer Karte von 1240 basieren soll. Weitere Indizien sind ein Testament von 1345 mit der Erwähnung des Namens Rungholt und eine Handelsvereinbarung mit Hamburger Kaufleuten vom 1. Mai 1361. Das Datum liegt acht Monate vor der Marcellusflut und bestätigt, dass der Ort zum Zeitpunkt der Flutkatastrophe noch bestand. Die Handelsvereinbarung und Funde von rheinischen Krügen erhärten die Vermutung, dass Rungholt der Haupthafen der Edomsharde war.

Der Rungholt-Forscher Andreas Busch nahm aufgrund der Anzahl und der Verteilung von Brunnenresten eine Schätzung der Einwohneranzahl vor. Dadurch schloss er auf eine Bevölkerung von mindestens 1.500 bis 2.000 Einwohnern. Das ist für eine Ortschaft des 14. Jahrhunderts in dieser Gegend eine bemerkenswert große Zahl. Kiel beispielsweise hatte zu dieser Zeit genauso viele Einwohner, in Hamburg lag die Einwohnerzahl bei etwa 5.000.

Der Name Rungholt leitet sich vermutlich von der friesischen Vorsilbe „Rung“- („falsch“, „gering“; gleicher Wortstamm wie das englische „wrong“) und dem Stammwort „Holt“ (Gehölz) ab. Daraus ergibt sich die Bedeutung „Niederholz“; gestützt wird diese Ableitung durch historische Karten, die bei Rungholt einen kleinen Wald in hügeligem Gelände zeigen, die „Silva Rungholtina“, was in der Gegend sehr ungewöhnlich ist.
Wolfgang Laur geht aufgrund von urkundlichen Nennungen aus der Mitte des 15. Jahrhunderts als „Rungeholt“ von einem Wald aus, aus dem Rungen geholt werden.

Legende über Rungholt

Während das wirkliche Rungholt ein bäuerlicher Handelshafen an einem gut schiffbaren Fluss war und vornehmlich aus Grassoden-Häusern bestand, wurde der Reichtum Rungholts nach seinem Untergang in immer prunkvollere Beschreibungen gefasst. Es entstanden phantastische Vorstellungen über den Reichtum und die Größe der Stadt.

Die Legende, die erstmals im Kontext der Zweiten Großen Mandränke, der Burchardiflut von 1634, von Anton Heimreich überliefert wurde, deutet den Untergang Rungholts als göttliche Strafe für lasterhaftes Leben und respektloses Verhalten gegenüber der Kirche. So sollen übermütige Bauern bei einem abendlichen Trinkgelage einen Pfarrer genötigt haben, einem Schwein, das sie zuvor betrunken gemacht hatten, die Sterbesakramente zu gewähren.

Nach Drohungen und Verhöhnungen konnte der Geistliche sich in die Kirche flüchten. In der folgenden Nacht warnte ihn ein Traum vor der kommenden Katastrophe. Er konnte die Insel noch rechtzeitig verlassen. Möglicherweise geht diese Geschichte auf eine Erzählung des Caesarius von Heisterbach zurück, der in seinem „Dialogus miraculorum“ einen fast gleichlautenden Bericht bringt, wie Gottes Zorn über eine Sakramentsschändung zu einer Sturmflut führt. Caesarius bezog sich dabei auf die Erste Marcellusflut. Auch in Flensburg existiert eine ähnliche Untergangssage zum Schloßgrund, wo der Hof Flenstoft und später die Duburg stand.

Zu den Legenden um Rungholt zählt auch, dass bei ruhigem Wetter seine Glocken unter der Wasseroberfläche zu hören seien und dass die Stadt unversehrt alle sieben Jahre in der Johannisnacht aus der Erde auftauche. Ähnliche Legenden ranken sich auch um andere untergegangene Orte wie Vineta.

von

Günter Schwarz – 16.01.2018