Unter der Bezeichnung Operation Karthago bombadieren Flugzeuge der britischen Royal Air Force (RAF) am 21. März 1945 das „Shellhus“ in der Innenstadt von København, das den deutschen Besatzern als Gestapo-Hauptquartier dient. Unbeabsichtigterweise wird bei dem Luftangriff auch die französische Schule in Frederiksberg, die katholische Jeanne d’arc Skole, die sich auf einem nahegelegenen Grundstück in der Frederiksberg Allé befindet Boulevard bombardiert und völlig zerstört.


Shellhus – Gestapo-Hauptquartier København vor der Bombardierung
Während der deutschen Besetzung Dänemarks während des Zweiten Weltkriegs hatten die deutschen Besatzer das Shellhuset beschlagnahmt, um es zum Gestapo-Hauptquartier zu machen. Hier waren alle Archive über die dänische Widerstandsbewegung gesammelt. Der dänische Widerstand hatte die Briten lange Zeit gebeten, einen Luftangriff durchzuführen, um das Gebäude in der dichtbebauten Innenstadt von København zu bombardieren, damit das Gestapo-Archiv vernichtet wird. Das Gestapo-Hauptquartier in der Universität Aarhus war bereits am 31. Oktober 1944 bei einem ähnlichen Luftangriff erfolgreich zerstört worden und demzufolge wurde ein weiterer Angriff gegen das Gestapo-Hauptquartier in Odense für den 17. April 1945 geplant.

Der Luftangriff wurde von Mitgliedern der dänischen Widerstandsbewegung in der Hoffnung auf Freilassung von inhaftierten Mitgliedern und Zerstörung der Akten der Gestapo gefordert. Zunächst lehnte die RAF das Ersuchen aufgrund der Lage in dem dicht besiedelten Stadtzentrum und der Notwendigkeit von Tiefflugangriffen als zu riskant ab. Erst nach wiederholten Bitten und Aufforderungen der Widerstandsbewegung genehmigte sie den Angriff dann Anfang 1945.


Luftangriff auf das Shellhus
Bei der Bombardierung wurde das Gebäude zerstört, 18 Häftlinge konnten entkommen und die nationalsozialistischen Aktivitäten gegen den Widerstand mussten eingestellt werden. Doch ein Teil des Bombenangriffs richtete sich irrtümlicherweise auch gegen die nahe gelegene französische Schule Jeanne d’Arc, bei dem insgesamt 125 Zivilisten ums Leben kamen. Darunter befanden sich 86 Schulkinder und 18 Erwachsene, die sich zu dem Zeitpunkt in der Schule aufhielten. Die 1924 gegründete römisch-katholische französische Mädchenschule in der Frederiksberg Allé, Frederiksberg in København befand sich unglücklicherweise nahe dem Shellhus.

Nachdem seitens der Briten die Genehmigung erteilt worden war, dauerte die Planung für den Überfall mehrere Wochen. Dieses beinhaltete die Erstellung von maßstabsgetreuen Modellen des Zielgebäudes und der Bebauung in der umgebenden Stadt. Die Piloten und Kanoniere mussten einen Angriff aus sehr niedriger Flughöhe vorbereiten und trainieren.

Die angreifende Flugstaffel bestand aus der Royal Air Force de Havilland Mosquito F.BVI Jagdbomber Squadron, der 21. RAF Squadron, der 464. RAAF Squadron und der 487. RNZAF Squadron aus der Royal Air Force. Diese wurden in drei Wellen von je sechs Flugzeugen zusammengestellt, wobei zwei Aufklärungsmoskitos von der Royal Air Force Filmproduktionseinheit den Ablauf des Angriffs aufzeichneten. Dreißig nordamerikanische Mustang-Kampfflugzeuge der Royal Air Force übernahmen den Luftschutz vor deutschen Flugzeugen und griffen während des Angriffs auf das Gestapo-Hauptquartier auch Flakstellungen an.

Die RAF-Flugzeuge verließen den Flugplatz Fersfield im County Norfolk am Morgen und erreichten København kurz nach 11:00 Uhr. Der Angriff wurde unmittelbar nach dem Erreichen der dänischen Hauptstadt gestartet. Im Verlauf der ersten Angriffswelle touchierte eine Mosquito-Maschine im Tiefflug einen Laternenpfahl und verlor dabei eine Tragfläche, woraufhin das Flugzeug in die Jeanne d’Arc Schule etwa 1,5 km vom Ziel entfernt stürzte. Mehrere Bomber in der zweiten und dritten Welle griffen daraufhin die brennende Schule an, da sie diese mit ihrem eigentlichen Ziel verwechselten.


römisch-katholische Mädchenschule Jeanne d’Arc
Am folgenden Tag überflog ein Aufklärungsflugzeug das Zielgebiet, um das Ergebnis des Luftangriffs zu bewerten. Der Schaden war groß, der Westflügel des sechsstöckigen Shell-Gebäudes war fast auf Bodenhöhe reduziert. Der dänische Untergrund lieferte ein Foto, auf dem das Gebäude von einem zum anderen Ende brannte.


Gestapo-Hauptquartier während des Luftangriffs
Die Bombardierung hatte das Gestapo-Hauptquartier und deren Akten zerstört, wodurch die Gestapo-Operationen in Dänemark stark gestört wurden. 18 Gestapo-Häftlingen konnte die Flucht ermöglicht werden. Fünfundfünfzig deutsche Soldaten, 47 dänische Mitarbeiter der Gestapo und acht Gefangene starben im Hauptquartier. Vier Mosquito Bomber und zwei Mustang Kämpfer gingen verloren, und neun Flieger starben auf alliierter Seite. Die meisten Todesopfer hatte jedoch die Jeanne d’Arc Schule zu beklagen. Dort starben 86 Schulkinder und 18 Erwachsene, darunter einige Nonnen.

Noch nach dem Kriegsende und der Befreiung Dänemarks am 05. Mai 1945 wurden am 14. Juli 1945 Reste eines nicht identifizierten männlichen Opfers in den Ruinen des Shellhuset gefunden und in die Abteilung für Gerichtsmedizin der Universität von København überführt. Vier Tage später wurde dann noch ein Leichnam gefunden. Die beiden Opfer wurden am 04. und 21. September 1945 auf dem Bispebjerg Friedhof beigesetzt.

von

Günter Schwarz – 21.03.2018