Nach 22-jähriger Haft im Blåtårn (Blauen Turm) kommt in København die politische Gefangene Leonora Christina Ulfeldt am 19. Mai 1685 wieder frei. Ihr war eine Beteiligung an politischen Intrigen ihres Ehemannes Corfitz Ulfeldt zur Last gelegt.

Leonora Christina Ulfeldt wurde am 08. Juli 1621 auf Schloss Frederiksborg bei København geboren. Sie war eine Tochter des dänischen Königs, Kong Christian IV., und Gräfin von Schleswig-Holstein, die auch als Schriftstellerin Bekanntheit erlangte. Wegen ihrer angeblichen Beteiligung an Intrigen ihres Mannes Corfitz Ulfeldt war sie 22 Jahre als politische Gefangene inhaftiert.

Während dieser Zeit begann sie mit der Verfassung ihrer Autobiografie „Jammers Minde“, die ihre entbehrungsreiche Gefangenschaft darstellt. Hervorstechende Züge der erschütternden Gefängnismemoiren sind die realistische Beschreibung ihres Kerkerlebens und die beeindruckende Darstellung ihrer Person als stolze, treue und unbeugsame Frau, die nach einer Krise ihren Glauben an Gottes Gnade findet und in diesem Bewusstsein ihr langes Gefängnisleben geduldig und mit gewissem Humor erträgt. „Jammers Minde“ gilt als das bedeutendste Prosawerk der dänischen Literatur des 17. Jahrhunderts. Außerdem schrieb Leonora Christina eine zweite Autobiografie, die wegen der verwendeten französischen Sprache als „Den franske selvbiografi“ bezeichnet wird und die ihr Leben von der Kindheit bis zur Haftzeit beschreibt.

Kindheit und Jugend

Leonora Christina war das dritte überlebende von zwölf Kindern Kong Christians IV. von Dänemark und Norwegen († 1648) aus seiner zweiten Ehe mit Kirsten Munk († 1658). Diese entstammte einem dänischen Adelshaus von geringem Stand, so dass die Ehe Christians IV. mit Kirsten Munk lediglich als morganatisch geschlossen werden konnte und sie nicht den Titel der Königin erhielt. Ihre Nachkommen waren von der Thronfolge ausgeschlossen. Leonora Christina wurde daher auch nicht der Titel einer Prinzessin verliehen, sie erhielt den 1627 auch ihrer Mutter verliehenen Titel einer Gräfin von Schleswig-Holstein; d. h. sie stand gesellschaftlich unterhalb der Königsfamilie, aber über dem restlichen Adel. Sie war die Lieblingstochter des Königs. Wie bei der Erziehung adliger Kinder üblich, wurde Leonora Christina nach ihrer Taufe in die Obhut ihrer Großmutter mütterlicherseits, Ellen Marsvin auf die Insel Fyn (Fünen), gebracht. Zusammen mit einigen ihrer Geschwister, die ebenfalls dort lebten, lernte sie ab dem vierten Lebensjahr schreiben und lesen und erhielt Musik- und Religionsunterricht.

Wegen Dänemarks Teilnahme auf protestantischer Seite am Dreißigjährigen Krieg wurde Leonora Christine 1628 mit zwei Geschwistern aus Sicherheitsgründen nach Friesland zur Nichte ihres Vaters, der mit Graf Ernst Kasimir von Nassau-Dietz verheirateten Sophie Hedwig, gebracht. Ihre autobiografischen Notizen beginnen mit diesem Aufenthalt. Das erst siebenjährige Mädchen fasste Zuneigung zu dem elfjährigen Mauritz, dem zweitältesten Sohn des Grafen, der sie einmal zu heiraten versprach. Als Zeichen seiner Liebe erteilte er ihr normalerweise Jungen vorbehaltenen Lateinunterricht. Sie verbrachten viel Zeit miteinander, bis Leonora Christina die Windpocken bekam, bettlägerig wurde und in ihrem Fieber nichts mehr von den Vorgängen in ihrer Umgebung wahrnahm.

Vilhelm, der ältere Bruder von Mauritz, missbilligte diese Beziehung und führte Mauritz in Leonora Christinas Zimmer, um ihm ihren Ausschlag zu zeigen und so seine Freundschaft zu ihr zu zerstören. Mauritz steckte sich an und starb neun Tage später. Nach ihrer Genesung wurde ihr zunächst erzählt, dass ihr Freund mit seiner Mutter verreist sei, später zeigte ihr ein Lehrer Mauritz’ einbalsamierten Leichnam in einem Glassarg. Vor Schrecken fiel sie ihn Ohnmacht und konnte auch viel später, da der tote Junge einen Rosmarinkranz getragen hatte, den Geruch dieser Blumen nicht ertragen. Diesen Vorfall beschreibt Leonora Christina eindringlich in ihrer „Französischen Autobiografie“. Der Tod ihres Freundes, für den sie sich offenbar mitverantwortlich fühlte, stellte ein einprägsames Ereignis für ihr ganzes späteres Leben dar.

1630 kehrte Leonora Christina nach Dänemark zurück. Ihr Vater musste inzwischen als Verlierer den Schauplatz des Dreißigjährigen Krieges verlassen. Im selben Jahr verbannte er Leonoras Mutter Kirsten Munk vom Hof, nachdem sie ihn nicht nur betrogen hatte, sondern angeblich auch versucht hatte, ihn durch einen vermeintlichen Zauberer verfluchen zu lassen. Christian IV. nahm sich als neue, lebenslange Geliebte Wiebke Kruse, eine Dienerin seiner verbannten Gattin, die ihm weitere Kinder gebar. Der verbitterte König verbot seinen Kindern, ihre Mutter Kirsten Munk zu sehen. Seiner Lieblingstochter ließ Christian IV. eine besondere Erziehung angedeihen. Ihre herausgehobene Position rief die Eifersucht ihrer Geschwister hervor.

Mit neun Jahren wurde Leonora Christina auf Wunsch ihres Vaters mit dem 15 Jahre älteren Adligen Corfitz Ulfeldt verlobt. Corfitz war der Sohn Kanzler Jacob Ulfeldts, hatte im Ausland studiert und galt als sehr gebildet und weltgewandt. Er wurde zum Günstling des Königs und schließlich zum mächtigsten Mann Dänemarks nach Christian IV. selbst. Zwar ging die Verlobung auf ihren Vater zurück, aber auch Leonora Christina selbst entschied sich schon als Kind für ihn und lehnte andere Bewerber ab.

Beaufsichtigt von hochgestellten Erzieherinnen erlernte Leonora Christina Deutsch und Französisch, erhielt Tanz-, Religions- und Musikunterricht und erlangte eine besondere Fertigkeit in der Stickereikunst. Außerdem hatte die Königstochter laut ihrer eigenen Aussage in ihrer Autobiografie ein ausgezeichnetes Gedächtnis.

Heirat und erste Ehejahre

Da ein neuer König, obwohl Dänemark de facto eine Erbmonarchie war, de jure nur nach seiner Wahl durch den Rigsråd (in dem einflussreiche Adlige saßen) den Thron besteigen konnte, war es der Hocharistokratie möglich, für ihre Zustimmung mehr Mitspracherechte und Privilegien zu fordern. Dies lief auf eine Beschränkung der königlichen Autorität hinaus. Außerdem durften Mitglieder der Königsfamilie keine Untertanen heiraten, um die Unparteilichkeit des Königs zu erhalten. Christian IV. nutzte deshalb seine Töchter mit Kirsten Munk, für die dieses Heiratsverbot wegen ihres morganatischen Status nicht galt.

Er verheiratete sie mit vielversprechenden Höflingen aus einflussreichen Familien, um diese an sich zu binden und so seine Macht zu stärken. Leonora Christina heiratete am 9. Oktober 1636 im Alter von 15 Jahren in einer prächtigen Zeremonie den vom König stark geförderten Corfitz Ulfeldt und führte in den nächsten Jahren ein privilegiertes und sorgenfreies Leben in einem üppig eingerichteten Haus im Zentrum Københavns. Sie schreibt in ihren Memoiren, dass sie ihren Gemahl von Anfang an ihr ganzes Leben sehr geliebt habe und charakterisiert auch die Liebe ihres Gatten als überschwänglich: Er habe sie wie ein feuriger Liebhaber und nicht wie ein Ehemann verehrt und geliebt. Demnach war ihre Ehe überaus glücklich, und sie konnte ihre Pflichten als Ehefrau und Mutter zufriedenstellend erfüllen.

Leonora Christina nahm Mal-, Violin- und Gitarrenunterricht und ließ sich von Corfitz in Niederländisch und Italienisch unterweisen. Außerdem erwarb sie weitere Lateinkenntnisse. Sie war mit dem Fortschritt ihrer Ausbildung unzufrieden, da sie auf Grund ihrer zahlreichen Geburten und Reisen nur wenig Zeit hatte. Sie bekam zehn Kinder, von denen drei sehr jung starben; außerdem erlitt sie drei bis fünf Fehlgeburten. Das Gebären so vieler Kinder empfand sie eher als eine „Behinderung“, war aber von dessen Notwendigkeit aufgrund ihrer Erziehung überzeugt. Ohne sich darüber je zu beklagen, wollte sie dennoch nicht nur eine „Gebärmaschine“, sondern eine gleichberechtigte Partnerin ihres Gatten sein. Daher trachtete sie danach, ihre Talente trotz ihrer vielen Schwangerschaften ständig weiterzuentwickeln.

Der ehrgeizige Corfitz wurde 1643 zum Reichshofmeister ernannt und so der nach dem König zweithöchste Mann im Staat. Leonora Christina rückte damit für Jahre zur „ersten Dame“ am Hof auf, da es keine Königin gab. Das Ehepaar beeindruckte zwar ausländische Gäste, wurde vom dänischen Adel aber als arrogant und machthungrig empfunden. Viele Angehörige niederer Schichten, z. B. ihr Arzt Otto Sperling d. Ä., verehrten sie hingegen und blieben ihnen lebenslang treu. Vermutlich durch groß angelegte Korruption und Veruntreuungen häufte Corfitz in kurzer Zeit große Reichtümer an, die er nicht nur in Ländereien, sondern auch in Juwelen und andere Wertanlagen investierte. Oft begleitete Leonora Christina ihren Gatten auf Botschaftsreisen ins Ausland, so 1646–1647 nach Holland und Frankreich, wo sie vielfach bewundert wurde.

In Paris bezauberte sie durch ihre Anmut und Intelligenz die Königinwitwe. Als die Ulfeldts nach København zurückkehrten, kam es zu von Leonora Christina in ihren Memoiren mit Stillschweigen übergangenen Spannungen mit dem alten König, da dieser Corfitz schon länger begangener Veruntreuungen verdächtigte und weil Leonora Christina, ebenso wie die anderen Kinder von Kirsten Munk, versuchte, diese dem König wieder näher zu bringen. Dennoch waren die Ulfeldts am Sterbebett Christians IV., dessen Tod (1648) Leonora Christina als Wendepunkt in ihrem Leben bezeichnet. Die schwerkranke Wiebke Kruse verwiesen die Ulfeldts aber nun sofort des Hofes.

Jahre der Verbannung

Nach dem Tod Christians IV. bekämpfte dessen Sohn und Nachfolger Frederik III. von Dänemark und Norwegen, der auch Leonora Christinas Halbbruder war, die dominante Stellung von Corfitz Ulfeldt und dreier weiterer Schwiegersöhne Christians IV. Die Gemahlin Frederiks III., Sophie Amalie von Braunschweig-Lüneburg, wurde zur unerbittlichen Feindin Leonora Christinas, die wahrscheinlich ihre führende Position am Hof nicht aufgeben wollte.

1649 reiste Corfitz zwar noch einmal mit seiner Gattin in offizieller Mission ins Ausland, aber sein Einfluss in Dänemark schwand zunehmend. Dies lag auch daran, weil andere Adlige die große Macht Ulfeldts fürchteten. Der neue König ließ ab 1650 die früheren Finanztransaktionen des ehemaligen Reichshofmeisters untersuchen, um Veruntreuungen nachzuweisen. Dina Vinhofvers, Geliebte eines Konkurrenten von Corfitz, gab sich als Corfitz` Mätresse aus und beschuldigte diesen und seine Frau, den König vergiften zu wollen, wurde aber wegen Meineids verurteilt und hingerichtet.

Im Juli 1651 verließen die Ulfeldts schließlich wegen des zunehmend vergifteten Klimas Dänemark, gingen zuerst nach Holland und lebten dann als Flüchtlinge in Schweden. Der Titel einer Gräfin wurde Leonora Christina aberkannt.

Die schwedische Königin Christina verpachtete den Ulfeldts gegen große Geldsummen ihr Schloss Barth in Pommern. Leonora Christina fühlte sich aber von den Schweden nicht genügend respektiert und wohnte 1654 der von ihr mit beißender Ironie beschriebenen Hochzeit des neuen Königs Karl X. Gustav von Schweden nicht bei, da ihr ein zu niedriger Platz reserviert wurde.

Um sich mit Frederik III. auszusöhnen, schickte Corfitz seine Gattin 1656 nach Dänemark, weil er sie zur Bewältigung dieser Aufgabe für geeigneter hielt. Diese Reise beschrieb sie zweimal. Der erste, in dänischer Sprache verfasste Bericht entstand unmittelbar nach ihrer Mission und erzählt vor allem den Verlauf ihrer Verhandlungen mit den Vertretern des dänischen Königs. In ihrer viel später verfassten Autobiografie gestaltet sie ihren Bericht dramatischer und schildert, dass ihre Mission scheiterte, weil sie auf der Reise zum König von dessen Gesandten Ulrich Christian Gyldenløve, dem Sohn der Vibeke Kruse, aufgehalten wurde. Auf ihrem Rückweg musste sie die Pistole ziehen, um einer Verhaftung durch den übereifrigen königlichen Beamten zu entgehen.

Nach diesem erfolglosen Versöhnungsversuch wechselte Corfitz endgültig die Seiten. Er unterstützte 1657 König Karl X. in dessen siegreichen Krieg gegen Dänemark und verhandelte für ihn den für die Dänen katastrophalen Frieden von Roskilde (1658) mit. Er lebte mit seiner Gemahlin auf einem ihm zum Dank vom Schwedenkönig gestifteten Gut, war aber mit seiner Aufnahme in den schwedischen Adelsstand und seiner Ernennung zum Inspektor der von Dänemark neu eroberten Gebiete in Südschweden unzufrieden. Unter diesen Territorien war auch die reiche Provinz Schonen, wo er sich die Errichtung einer Adelsrepublik erhofft hatte. Da er seinen Unmut öffentlich äußerte, wurde Karl X. gegen ihn misstrauisch.

Als dann ein neuer schwedischer Angriff auf Dänemark, an dem sich Corfitz nicht mehr beteiligte, fehlschlug, wurde der Gatte Leonora Christinas wegen Verdachts der Kollaboration mit den Dänen im Mai 1659 unter Hausarrest gestellt. Doch Leonora Christina verteidigte ihren kranken Gemahl bei einer in ihrem Haus in Malmö einberufenen Verhandlung geschickt, wie zeitgenössische Dokumente belegen. Zwar sprach das Gericht dennoch wegen Verrats die Todesstrafe über Corfitz aus, aber das Urteil wurde nicht vollstreckt und das Ehepaar blieb unbehelligt. Nach Verhandlungen erreichte der dänische Botschafter, Leonora Christinas Schwager, dass Corfitz begnadigt wurde, aber bevor die Ulfeldts davon erfuhren, waren sie aufgrund von Gerüchten über ihre angeblich bevorstehende Verbannung nach Finnland getrennt aus Schweden geflohen.

Corfitz kehrte nach Dänemark zurück, wohin bald auch Leonora Christina nachkam. Doch beide wurden als Staatsgefangene vom dänischen König 17 Monate in der Festung Hammershus auf Bornholm interniert. Zu diesem Zeitpunkt bereitete Frederik III., der die großen Privilegien und Mitspracherechte der Aristokraten beseitigen wollte, einen Staatsstreich zur Einführung der absoluten Monarchie vor. Dabei konnte er sich auf ein Bündnis mit der vermögenden Bürgerschicht Københavns und dem Klerus stützen, die sich schon längere Zeit mit dem Adel wegen dessen Sonderrechten zerstritten hatten. Daher war die Ausschaltung eines der einflussreichsten Adligen wie Corfitz ein wichtiger Schritt für den dänischen König, um seine Pläne durchzusetzen. Im September/Oktober 1660 musste die Aristokratie schließlich ihre Entmachtung akzeptieren.

Der Gefängniswärter der Ulfeldts, Adolph Fuchs, verfuhr inzwischen ziemlich grausam mit seinen Gefangenen. Dies belegt nicht nur die Schilderung Leonora Christinas in ihrer „Franske Selvbiografi“, sondern auch zeitgenössische Aufzeichnungen von Beamten. Gegenüber Fuchs‘ Demütigungen konnte sich Corfitz nur schwer beherrschen, aber Leonora Christina ertrug sie mit kalter Überlegenheit.

Wegen dieser entwürdigenden Behandlung versuchten die Ulfeldts im März 1661 zu fliehen, indem sie sich des Nachts mit einem treuen Diener an zusammengebundenen Bettlaken und Brettern aus dem Gefängnis abseilten. Als aber der Mond hinter Wolken verschwand, fiel der Diener in eine Schlucht und musste von Leonora Christina allein geborgen werden. Dann schleppte sie ihren geschwächten Gatten die steilen Klippen hinunter. Während dieser Verzögerungen wurde es hell und die Wachen stellten die Flüchtigen. Als Fuchs ihren Fluchtweg inspizierte, glaubte er, dass nur teuflische Kräfte dies zuwege bringen konnten und hielt Leonora Christina für eine Hexe. Das Ehepaar wurde nun getrennt gefangen gehalten und erst im Dezember 1661 gegen Abtretung fast all ihrer Güter freigelassen. Corfitz musste außerdem einen Treueeid auf den König schwören.

Die Ulfeldts lebten nach ihrer Entlassung auf dem Gut Ellensborg auf der Insel Fyn, welches Leonora Christina von ihrer Großmutter geerbt hatte. Der dänische König erlaubte aufgrund von Bitten von Freunden der Ulfeldts, dass Corfitz 1662 aus Gesundheitsgründen eine Reise nach Holland antreten durfte. Seine Gattin folgte ihm kurz darauf nach Brügge, wo ihr ältester Sohn ihren ehemaligen Gefängniswärter und Peiniger Adolph Fuchs, den sie zufällig trafen, tötete. Dieser Mord geschah zwar nicht auf ihren Wunsch, fand aber ihre Zustimmung.

Corfitz bot dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg den dänischen Thron an, den er ihm durch Anzettelung einer Revolte verschaffen wollte. Außerdem schickte Corfitz seine Gattin nach England, um eine beträchtliche Geldsumme zurückzufordern, die er 1649 dem König Karl II. von England während dessen Exil geborgt hatte. Die Dänen hatten aber durch den brandenburgischen Kurfürsten selbst von der verschwörerischen Absicht Corfitz’ Kenntnis erhalten und verurteilten ihn am 24. Juli 1663 wegen Hochverrats in Abwesenheit zum Tod. Seine Güter wurden konfisziert und seine Kinder verbannt. Die inzwischen nach England gereiste Leonora Christina wurde zwar von Karl II. empfangen, aber bei ihrer Abfahrt in Dover verhaftet und nach København ausgeliefert, wo sie am 08. August 1663 eintraf. Sie musste allen Schmuck aushändigen, ihre schöne Kleidung gegen schlechtere von ihrer alten Feindin Sophie Amalie ausgesuchte vertauschen und wurde im sogenannten Blåtårn (Blauen Turm), dem berüchtigten Gefängnis des Schlosses Christiansborg in København, eingekerkert.

Gefangenschaft

Leonora Christina wurde von königlichen Beamten lange über die Pläne ihres Gatten verhört. Sie gab geschickte Antworten, ohne zuzugeben, über die konspirativen Absichten ihres Gatten informiert gewesen zu sein. Im Gegenteil, sie erklärte die Beschuldigungen gegen Corfitz für falsch. Ihr wurde die Verurteilung ihres Gatten mitgeteilt, den sie nicht mehr retten könne. Der König würde aber vielleicht Gnade walten lassen, wenn sie ihr Wissen über die Pläne ihres Gatten verrate. Sie verlor nur kurz die Fassung, bestritt weiterhin jede Komplizenschaft und beteuerte, dass sie nur die von einer Gattin erwartete Treue und Unterstützung ihrem Mann gegeben habe.

Ihre Befragung erbrachte keine Erkenntnisse für die dänische Regierung. Ohne einen Prozess wurde die Königstochter weiter in einer Zelle im Blåtårn in Gefangenschaft gehalten. Sie geriet in eine Glaubenskrise und haderte mit Gott, von dem sie sich ungerecht bestraft fühlte, da sie nur als liebende und treue Gattin gehandelt habe. Nach einigen Tagen kam sie aber zu dem Schluss, dass sie sich Gottes Gnade unterwerfen müsse; denn der Herr züchtige diejenigen, die er liebe. So konnte sie ihre Gefangenschaft als eine zu bestehende Prüfung auffassen. Sie hatte Corfitz nicht – wie einst nach ihrer Meinung Mauritz – im Stich gelassen und ertrug daher nun stoisch ihr Zellenleben, das insgesamt 22 Jahre (1663–1685) dauern sollte.

Auch andere Vertraute der Ulfeldts sollten ausgeschaltet werden. So wurde der ehemalige Arzt der Gefangenen, Otto Sperling d. Ä. (1602–1681), 1664 ebenfalls im Blåtårn eingesperrt, wo er nach 17 Jahren Gefangenschaft starb. Corfitz Ulfeldt selbst konnte sich seiner Verhaftung durch Flucht entziehen und floh quer durch Europa, ertrank aber am 20. Februar 1664 im Rhein. Sein Palast in København wurde niedergerissen und an dessen Stelle eine Schandsäule errichtet. Leonora Christina erzählte man, dass ihr Gatte hingerichtet worden sei, und sie erfuhr erst später die Wahrheit. Zu ihrer Verwunderung war sie erleichtert, dass er nun endgültig seinen Verfolgern entkommen war.

Im Vorwort ihrer Autobiografie „Jammers Minde“ erklärt Leonora Christina ihren Kindern, dass ihr die Flucht einige Male möglich gewesen wäre, dass sie aber auf die Freilassung und Anerkennung des an ihr begangenen Unrechts durch den König wartete; nur dann könne sie ihren Kindern helfen. In den ersten Jahren ihres Arrestes wurde ihr nichts zum Zeitvertreib gebracht, so dass sie sich selbst Aufgaben ausdachte. So kritzelte sie mit einer in den Ruß des Kerzenrauches getauchten Hühnerfeder Notizen auf Zuckerverpackungen. Eine in ihrer Zelle aufgefundene Nadel benutzte sie zum Sticken, wobei sie Garn verwendete, das sie aus ihren aufgetrennten Seidenstrümpfen gewann. Sie studierte das Ungeziefer und zeichnete Vermutungen über deren Fortpflanzung auf. Sie berichtet in ihren Memoiren von ihren häufigen Auseinandersetzungen, aber auch Unterhaltungen mit ihren ständig wechselnden Dienerinnen, die sie als Adelige auch im Gefängnis erhielt, die aber auch die Königin Sophie Amalie über das Leben und Auftreten der Gefangenen informieren mussten.

Solche Frauen waren oft hart und anmaßend, und Leonora Christina konnte sich einer Dienstmagd nur durch die Drohung erwehren, sie mit bloßen Händen zu erwürgen. Indirekt wurde sie auch Zeugin einer Abtreibung einer Bediensteten. Von einer anderen lernte sie Englisch. Der Gefängnisdirektor besuchte sie oft des Nachts, wenn er betrunken war, und machte ihr Avancen. Die katastrophalen hygienischen Bedingungen des von ihr als schmutzig, stinkend und mit Flöhen und Ratten verseucht beschriebenen Verlieses kann man aus ihrem Bericht ersehen, laut dem eine Dienerin anno 1666 darauf bestand, den über die Jahre angehäuften Kot der früheren Gefangenen in der kleinen Zelle wegzuschrubben, und von dem Gestank wurde Leonora Christina krank.

Nach dem Tod Kong Frederiks III. am 09. Februar 1670 und dem Regierungsantritt seines Sohnes Christian V. von Dänemark und Norwegen wurden die Haftbedingungen Leonora Christinas gelindert. So erhielt sie eine geräumigere Zelle, Schreibmaterial und eine jährliche finanzielle Zuwendung, die es ihr ermöglichte, Bücher zu kaufen. Sie blieb aber aufgrund des Widerstandes ihrer alten Feindin Sophie Amalie, der Mutter des neuen Königs, noch lange eingesperrt.

Einige Damen besuchten zu ihrer Belustigung einmal heimlich abends Leonora Christina, die sofort eine von ihnen als „Fräulein Augusta von Glucksburg“ erkannte (wahrscheinlich die 36-jährige Tochter des Herzogs Philipp von Schleswig-Holstein-Glucksburg) und daraus schloss, dass die anderen Damen die Gattin Christians V., Charlotte Amalie von Hessen-Kassel, und seine Schwester Anna Sophie von Dänemark und Norwegen, die Gattin des Kurfürsten von Sachsen, waren. Die Frauen bemitleideten die Gefangene; nur die hochmütige Augusta zeigte keine Rührung und wurde von Leonora Christina verdächtigt, ihre Unterhaltung heimlich der Königinwitwe Sophie Amalie weitererzählt zu haben.

Die Mutter der Königin, Hedwig Sophie von Brandenburg, eine Landgräfin von Hessen-Kassel, besuchte ebenfalls die Gefangene heimlich und trat beim König für ihre Freilassung ein. Diese sollte erfolgen, wenn das erste Kind der Königin ein Sohn würde. Als aber die Mutter des Königs zur Taufe des Prinzen aufkreuzte, drohte sie mit sofortiger Abreise, bis Christian sein Wort brach. Die Witwen stritten vor dem König, aber Leonora Christina wurde nicht entlassen.

Ebenso vergeblich versuchte Otto Sperling der Jüngere (1634–1715) Anfang 1673, seinen gleichnamigen Vater und ehemaligen Arzt der Ulfeldts aus dem Blauen Turm herauszuholen. Er ermunterte seinen Vater und Leonora Christina, ihre Memoiren zu verfassen, um die Meinung in Europa zu beeinflussen und so Druck auf die dänische Regierung auszuüben.

Mit diesem Ziel schrieb Leonora Christina im gleichen Jahr ihre Autobiografie, und zwar mit Rücksicht auf die internationale Leserschaft auf Französisch, erreichte aber ihr Ziel nicht. Das Manuskript wurde aus dem Gefängnis geschmuggelt und von Otto Sperling d. J. und späteren Historikern verwendet. Es erlebte in Abschriften, Übersetzungen und Bearbeitungen eine gewisse Verbreitung.

Nach Fertigstellung der „Franske Selvbiografi“ begann die gefangene Königstochter mit der Niederschrift eines Berichts über ihre langjährige Haft, „Jammers Minde“, die für ihre Kinder gedacht war. Daneben las sie historische Bücher und entwarf nach diesem Material Skizzen berühmter Frauen („Zierde der Heldinnen“), in der sie ihre emanzipatorische Vorstellung von der Gleichheit beider Geschlechter festhielt. Die von ihr verfassten geistlichen Gedichte erachtete sie nicht als literarisch hochstehend, aber sehr persönlich gefärbt. Viele dieser Reime blieben in verschiedensten Abschriften erhalten und zeigen damit ihre große Beliebtheit im 17. Jahrhundert. Schließlich widmete sich Leonora Christina noch der Musik und Handarbeit.

Freilassung und Lebensabend

Erst nach dem Tod ihrer unversöhnlichen Gegnerin Sophie Amalie († 20. Februar 1685) erlangte Leonora Christina im Alter von 63 Jahren ihre Freiheit wieder. Der Kanzler Frederick von Ahlefeldt, der sie einst widerwillig in den Blåtårn geleitet hatte, befahl am 19. Mai 1685 auf Geheiß von Kong Christian V. ihre Entlassung. Doch die Gefangene verließ erst um 22 Uhr im Schutz der Dunkelheit und eines Schleiers, der sie vor den Blicken der neugierigen Menge schützte, ihr Gefängnis. Sie wurde dort von der Tochter ihrer schon lange verstorbenen Schwester, Elisabeth Augusta Lindenov, abgeholt. Die Königin und ihre Damen beobachteten dieses Spektakel vom Balkon des Palastes. Kong Christian V. wies Leonora Christina eine Wohnung im Kloster Maribo an und gestattete ihr eine jährliche Rente von 1.500 Reichstalern.

Hier verbrachte sie ihre letzten 13 Lebensjahre einigermaßen standesgemäß. Im Allgemeinen relativ einsam lebend empfing sie manchmal Besucher, darunter den dänischen Dichter Thomas Kingo. Vor allem stellte sie das im Blåtårn begonnene Manuskript von „Jammers Minde“ fertig. Für ihre drei noch lebenden Kinder versuchte sie vergeblich, ihre früheren Reichtümer wiederzuerlangen. Ihre älteste Tochter Anna Katharina, Witwe des flandrischen Adligen Vigilius de Cassette, lebte seit 1688 bei ihr, und auch ihre jüngste Tochter Leonora Sophie besuchte sie oft.

Ihr jüngster Sohn Leo, der eine steile militärische Karriere in habsburgischen Diensten gemacht hatte, durfte Leonora Christina nur zweimal mit Erlaubnis der dänischen Regierung besuchen, zuerst als 40-jähriger Mann im Jahr 1691; seine Mutter hatte ihn zuletzt als zwölfjährigen Buben gesehen.

Am 16. März 1698 starb Leonora Christina im Kloster Maribo und erhielt am 06. April 1698 in der dazugehörigen Kirche ein einfaches Begräbnis, wie sie es selbst gewünscht hatte.

von

Günter Schwarz – 19.05.2018