(Eutin) – Die Premiere einer der schönsten und erfolgreichsten Opern, Giuseppes Verdis „La Traviata“ wurde am Freitagabend, den 20. Juli 2018 bei den Eutiner Festspielen bei nahezu ausverkauftem Haus zu einem überragenden Erfolg. Hervorzuheben ist die großartige Leistung des gesamten Ensembles. Dabei erwies sich die türkische Sopranistin Hale Soner als todkranken, leidenschaftlichen und anmutigen Violetta als ein wahrer Glücksgriff.

Die Inszenierung von Dominique Caron ist wie für die Freilichtbühne in Eutin gemacht. Leo Siberski, der musikalische Leiter, schwört die Künstler auf südliche Leidenschaft ein. Auf der Bühne hatte eine grandiose Hale Soner in der Titelrolle die Herzen der Besucher im Nu im Griff.

Die Kurtisane Violetta Valéry veranstaltet im Oktober mitten des 19. Jahrhunderts in ihrem Salon eine Feier. Sie wird einem attraktiven jungen Mann vorgestellt, Alfredo Germont, der weit aufmerksamer und aufrichtiger ist als ihr aktueller Begleiter, Baron Douphol. Er stimmt ein temperamentvolles Trinklied auf die Liebe an.

Als Violetta sich nach einem Hustenanfall ausruhen muss, nutzt Alfredo den Moment an ihrer Seite, um ihr seine Liebe zu erklären. Sie entmutigt ihn, weil sie gar nicht wisse, wie man liebe, und außerstande sei, mit starken Gefühlen umzugehen.

Schließlich gibt sie ihm aber als Einladung eine Kamelie, die er ihr, sobald sie verblüht ist – das heißt am nächsten Tag – zurückbringen soll. Die Gäste verabschieden sich. Allein gibt sie sich beinahe Alfredos Vorstellung gegenseitiger Hingabe hin, versucht dann aber, diese Gedanken mit einem Lobgesang auf den Genuss zu verdrängen…

Die Premiere von „La Traviata“ In italienischer Sprache wurde zu einem überragenden Erfolg für die Neuen Eutiner Festspiele. Getragen wurde die sehr gut besuchte Vorstellung von Sängerin Hale Soner. Sie füllte die Rolle der todkranken, leidenschaftlichen und anmutigen Violetta schauspielerisch wie sängerisch auf einem Niveau, an das keiner ihrer Kollegen auch nur ansatzweise herankam. Die türkische Sopranistin, die unter anderem bei Renata Scotto studiert hat, besaß eine Brillanz in der Stimme, einen Schmelz bis in die höchsten Lagen und eine elegante Schnelligkeit in den Koloraturen, die staunen ließen. Welch ein Glücksgriff für die Festspiele.

Die Leistung der beiden männlichen Hauptdarsteller war ausgewogen, Alfredo (Carlos Moreno Pelizari, Tenor) und Vater Giorgio Germont (Manos Kia, Bariton) agierten auf Augenhöhe. Beide hatten ausdrucksstarke und bewegliche Stimmen. Beide konnten spielen, wenn auch manchmal zu verhalten.

Auch die anderen Solisten sangen und spielten überzeugend: Joslyn Rechter (Mezzosopran) war eine kokette Flora, Eva Schneidereit (Mezzosopran) eine berührende Annina, Joao Terleira (Tenor) ein beflissener Vicomte Gastone, Aarne Pelkonen (Bariton) ein aufbrausender Baron Douphol und Yinghao Liu (Bassbariton) ein charmanter Marchese d’Obigny. Das besonders schöne Timbre von Kemal Yasar (Bass) als umsorgender Dottore Grenvil fiel auf.

Unter der versierten Regie von Dominique Caron und der musikalichen Leitung von Leo Siberski entfaltete sich ein visuell wie musikalisch spannungsreicher Abend. Die Kammerphilharmonie Lübeck und der Chor der Eutiner Festspiele (Leitung Romely Pfund) reagierten sensibel auf Siberskis Dirigat, obgleich seine Bewegungen oft unstimmig und verspannt wirkten. Orchester, Chor und Solisten bildeten eine musikalische Einheit.

Das Bühnenbild nach Entwürfen von Ursula Wandaress war dezent. Im Hintergrund ragte stets die Fassade einer großzügigen Villa auf, sei es in Paris oder auf dem Lande. Auch der obere Bereich konnte genutzt werden. Hier öffneten sich Fenster und große Türen, durch die mal vorwurfsvoll, mal neugierig auf das skandalöse, kompromittierende, von Eifersucht und Ränkespielen angefeuerte Pariser Nachtleben geschaut wurde. Im Vordergrund entstanden immer neue Spielräume, indem mit ein paar feudal wirkenden Stühlen sofort Ball-Atmosphäre und Pomp gezaubert wurden oder ohne Mobiliar ein Sterbezimmer düster die Bühne beherrschte, nur mit einem schwarzen Stuhl ausgestattet . Die zeitlos eleganten Kostüme von Martina Feldmann unterstrichen die wirkungsvolle Inszenierung. Die Damen der Pariser Halbwelt trugen eine Eleganz zur Schau, die nie billig wirkte, sondern fein. Auch dadurch wurde der gesellschaftliche Kernkonflikt nochmals deutlich, denn keiner der Akteure entsprach einem Klischee.

Giuseppe Verdis berühmte Oper über die bedingungslose Liebe zwischen der Kurtisane und dem jungen Aristokraten und über die gesellschaftliche Doppelmoral seiner Zeit ist immer noch hochaktuell. Die gesellschaftlichen Brennpunkte haben sich verschoben, vorhanden sind sie, nun eher religiös oder kulturell motiviert. Auch der Tod ist nicht das Ende dieser Eutiner Geschichte: Das Publikum ruft, klatscht, stampft sich die Begeisterung über das Erlebte heraus. Etliche der Gäste, das verraten die Dialoge, haben zuvor auch das Musical „My Fair Lady“ schon erlebt. „Das ist Eutin!“, schwärmt die Menge.

Weitere Vorstellungen von „La Traviata“ auf der Eutiner Seebühne:

          –  Mittwoch, den 25.07.2018 um 19:00 Uhr
          –  Mittwoch, den 01.08.2018 um 18:00 Uhr
          –  Samstag, den 04.08.2018 um 20:00 Uhr
          –  Mittwoch, den 08.08.2018 um 19:00 Uhr
          –  Sonntag, den 12.08.2018 um 16:00 Uhr
          –  Freitag, den 24.08.2018 um 20:00 Uhr
          –  Samstag, den 25.08.2018 um 19:00 Uhr

von

Günter Schwarz – 23.07.2018