(Hartenholm) – Auch der Freitag und die Nacht zu Samstag verliefen aus polizeilicher Sicht ruhig.

Vereinzelt wurden wie tags zuvor erneut Diebstähle zur Anzeige gebracht. In einem Fall schnitten bisher unbekannte Täter die Plane eines auf dem Campingplatz abgestellten Anhängers auf und stahlen die darauf befindlichen Wertsachen, wie u.a. Bargeld. Ein Besucher wurde ferner erst um seinen Fahrzeugschlüssel und anschließend um die Wertsachen in seinem Fahrzeug erleichtert.

Die Polizei empfiehlt den Besuchern erneut, Wertgegenstände nicht unbeaufsichtigt zu lassen und diese eng am Körper zu tragen. Der Veranstalter bietet für Wertgegenstände auch Schließfächer an.

Weiterhin stellte die Polizei einige Fahrten unter Alkoholeinfluss auch auf den Campingflächen fest. Hier wurden bei Kontrollen durch die Einsatzkräfte Atemalkoholkonzentrationen mit einem Spitzenwert von 1,80 Promille festgestellt.

Ein 24-jähriger Pocketbike-Fahrer aus Niedersachsen versuchte gegen 02:00 Uhr einer Polizeistreife zu entkommen, nachdem er ohne Helm und mit überhöhter Geschwindigkeit vom Festivalgelände auf die B206 gefahren war. Nach einem verletzungsfreien Sturz konnte er jedoch nach kurzer Flucht zu Fuß festgehalten werden. Ein Atemalkoholtest bei dem Niedersachsen ergab anschließend einen Wert von 1,01 Promille, woraufhin die Beamten eine Anzeige fertigten.

In diesem Zusammenhang weist die Polizei darauf hin, dass ein Führen von Fahrzeugen unter Alkoholeinfluss nicht nur verboten sondern auch aus Aspekten der Eigengefährdung und der Gefährdung anderer Personen zu unterlassen ist.

Das „Werner“-Rennen zwischen früher und heute

Die aufgemotzte Horex gegen den Porsche zog zum legendären „Werner“-Rennen 1988 rund 200.000 Besucher auf den Flugplatz Hartenholm. Seit Donnerstag läuft dort wieder ein viertägiges Motorsport- und Musikfestival. Höhepunkt ist am Sonntag die Neuauflage des „Werner“-Rennens zwischen Comic-Zeichner Rötger Feldmann alias Brösel und dem Kieler Kneipenwirt Holger Henze alias Holgi.

Schnell werden bei vielen Bewohnern der am Flugplatz angrenzenden Gemeinde Hasenmoor Erinnerungen wach. Vor 30 Jahren hatten mehr als 200.000 Festival-Besucher auf Feldern des kleines Dorfes ausufernde Partys gefeiert. Sie hinterließen damals ein Chaos, das neben den Müllbergen auch eine Schneise der Verwüstung durch den kleinen Ort zog.


Treten gegeneinander an: Comiczeichner Rötger Feldmann (l.) alias Brösel und Holger (Holgi) Henze.
Harald Butenschön erinnert sich heute noch gut an den Besucherstrom, der nicht abreißen wollte. „Die Anwohner waren geschockt. Die aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Motorsportfans brachen Gartenzäune ab. Das Holz entzündeten sie bei einem Lagerfeuer an der örtlichen Tankstelle“, erzählt der stellvertretende Wehrführer von Hasenmoor am Freitag. Wiederum andere Gäste wechselten ihr Motorrad-Öl auf den Feldern rund um den Flugplatz Hartenholm oder pinkelten in die Vorgärten.

Gedrosselte Musik: 55 Dezibel nicht übersteigen

Seit Donnerstag knattern nun wieder zahlreiche Motorräder, Sportwagen oder Autos mit Campingwagen und Wohnmobile durch Hasenmoor. Ihr Ziel: einer der sechs Campingplätze oder die Rennstrecken auf dem Flugplatz. Aus Angst, die Geschichte könnte sich im Dorf wiederholen, hatten jüngst 14 Anwohner gegen das Rennsport-Festival vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) in Schleswig geklagt – jedoch ohne Erfolg. Allerdings geht es auf dem Festivalgelände ruhiger zu als 1988 – dafür sorgt das Urteil des Verwaltungsgerichts Schleswig, das Lärmauflagen erließ. Auf einer der vier Bühnen wurde nun im Rahmen der Auflagen das Programm geändert. Einige der Kläger wohnen direkt am Festivalgelände, ein Bauzaun trennt ihre Grundstücke von einem WC-Bereich.

Anwohner: Keiner hat mit uns direkt gesprochen

Nach eigenen Angaben haben die Veranstalter rund 50 Kilometer Bauzaun auf dem Festivalgelände und im Dorf entlang der B206 aufgestellt. Der Hegebuchenbusch Weg wurde komplett abgesperrt. Dort wohnen etwa 50 Anwohner, auch einige, die vor dem OVG geklagt hatten.


Bernd Massmann aus Hasenmoor sieht das Festival mit gemischten Gefühlen.
Der 59 Jahre alte Bernd Massmann wohnt entlang der schmalen Straße, im letzten kleinen Haus vor dem Rettungseingang zum Festivalgelände. Der Frührentner spricht vorsichtig, fast schon geschwächt und zeigt auf sein Bein: Er und seine Frau seien krank. Er fühle sich vom Festivallärm gestört. Hinter seinem Grundstück surrt unaufhörlich ein Stromaggregat. „Gegen die Musik habe ich nichts“, sagt Massmann. Er wollte sogar zum Torfrockkonzert gehen, die Bühne war aber zu weit weg. Massmann hätte sich gewünscht, dass Bürgermeister Klaus-Wilhelm Schümann und der Veranstalter direkt mit den betroffenen Anwohnern gesprochen hätten – und nicht nur auf Infoveranstaltungen.

Es gibt kein Durchkommen

Die Veranstalter nehmen die Sorgen der Anwohner auf, stellen jeden Abend einen Wachmann vor den Bauzaun, bekleidet mit roter Weste. An diesem Abend beginnt Michael seine Schicht. Der Sicherheitsbeauftragte ist der erste Ansprechpartner für die Anwohner. Er soll Festivalbesucher von Vorgärten-Streifzügen abhalten. „Ich konnte inzwischen einen gut Draht zu den Menschen hier aufbauen, sie bringen mir schon Kaffee. Einige sind mit den Nerven am Ende, hätten Angst“, sagt er.


Wachleute sperren den Bereich zu Anwohnern ab, die direkt am Festivalgelände wohnen.
Michaels Blick schweift zur Absperrung. Alle 15 Minuten fragen Festivalbesucher, ob sie durch den Zaun und zum Zeltplatz gehen dürfen. Er bleibt gelassen – und dennoch bestimmend. Es gibt kein Durchkommen.

Täglich wird der Schall gemessen

Das ist nur der Feuerwehr und Polizei sowie Michael Ohelerking gestattet. Im Auftrag der Veranstalter misst er den Schall. Mit einem mobilen Messgerät radelt Ohelerking durch das Dorf, nimmt am Tag 20 Mal Stichproben. Außerdem wertet er die Ergebnisse zweier fest stationierter Mikrofone aus. „Bis 22:00 Uhr Uhr sind 70 Dezibel erlaubt. In der Nacht dürfen 55 dB nicht überschritten werden. Die Boxen auf den Bühnen sind so ausgerichtet, dass weniger Schall die Häuser trifft“, erzählt er.
„Lasst’s krachen“ – Anwohner begrüßen Festival-Besucher

Doch auch Willkommensbotschaften der Hasenmoorer gibt es. Ein Banner mit der Aufschrift „Lasst’s krachen“ hängt an einem Haus. Das Ehepaar Keienburg wohnt auf einem Bauernhof an der Bundesstraße 206. Beide holten sich ein Anwohner-Ticket, tragen das grüne Bändchen am Handgelenk. „Endlich ist mal was los in Hasenmoor, und dieses Mal ist die Veranstaltung viel professioneller aufgezogen. Da machen sich selbst die Älteren, die 1988 dabei waren, keine Sorgen“, sagen sie.

Bürgermeister Schümann hatte im Vorfeld versucht, Bürger umzustimmen. Er lud sie sogar zu einem Rundgang auf dem Wacken Open Air ein. Nach dem Werner-Festival sei Urlaub fällig, sagt Schümann. Bis dahin sollen 400 Polizisten und 1.800 Ordner für Sicherheit und Ruhe auf dem Festivalgelände sorgen.

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Polizeidirektion Bad Segeberg / Kai Salander / NDR – 01.09.2018