Viele Erwachsene werden behaupten, sie können nicht zeichnen oder malen. Dieses „Können“ wird sich in der Regel in den Jugendjahren gebildet haben. In einem Kunstunterricht, der unter Umständen ein „Können“ mit einer naiven Form des Realismus gleichsetzt. Wer einen Baum zeichnen soll und dann mit einer Form daher kommt, die der einer Hand gleicht, die zwischen Hammer und Amboss geriet, wird augenscheinlich vermutlich der Aufgabe nicht gerecht geworden sein.

Dass Kunst dabei auch sehr viel mit Phantasie und Kreativität zu tun hat, bleibt nicht selten auf der Strecke. Bei Kunst geht es vorrangig nicht darum, einen Gegenstand so abzubilden, als sei er mit dem Handy fotografiert worden, sondern um den Prozess des zeichnens an sich.

Michele Raship, eine hauptberufliche Illustratorin beschreibt das Zeichnen mit der Gabe, Dinge aufmerksam beobachten zu können. Wer etwas zeichnen möchte, muss sich diese Person oder diesen Gegenstand zunächst einmal genau betrachten. Ebenso, wie es vielen Menschen nicht mehr gelingt, einander aufmerksam zuzuhören, schaffen es Menschen nicht, sich Zeit zum Betrachten von Dingen zu nehmen.

Das habe viel mit Respekt zu tun, behauptet die Künstlerin. In einer Welt, in der es an respektvollem Umgang mangelt, wundert es nicht, wenn viele Menschen behaupten, sie können nicht zeichnen. Dabei steckt die Kunst an sich wenig Grenzen. Wenn die Aufgabe heißt: Zeichne mir einen Baum, ist es etwas völlig anderes, als wenn man verlangte: zeichne mir diesen Baum.

Die Künstlerin behauptet, dass wenn man fünf Personen böte, einen bequemen Stuhl zu zeichnen, kämen fünf verschiedene Bilder dabei heraus. Das nicht, weil das Warensortiment vieler Möbelhäuser so viele verschiedene Stühle haben, sondern weil jeder dieser Fünf andere Vorstellungen davon hat, wie ein bequemer Stuhl aussehen könnte. Das Bild ist dann also vorrangig nicht davon abhängig, wie dieser Stuhl tatsächlich aussieht, sondern wie der Zeichner ihn versteht oder seiner Erfahrung und Weltsicht entnimmt.

Für Michele ist das Zeichnen ein Prozess des Lernens. Jeder Auftrag zwingt mich dazu, mich ständig neu mit Dingen auseinanderzusetzen und sie mir zu betrachten. Mit der Zeit lernt man dabei, die Welt mit etwas anderen Augen zu sehen oder sie einfach ein wenig aufmerksamer zu beobachten. Das täte uns allen sicherlich gut.

Machen sie einfach den Test und zeichnen sie einen bequemen Stuhl. Wenn ihr Bild dann eher der Silhouette einer Mondlandefähre gleicht, ist das nicht falsch, denn die Aufgabe war ja, einen Stuhl zu zeichnen und nicht etwa eine Sitzgelegenheit für einen Menschen oder einen Artikel aus einem Möbelhaus-Katalog. Seien sie kreativ. Ein gezeichnetes Bild ist nie „falsch“.

Michele Raship & Michael Schwarz, 22.9.2018