Es steht zum Besten mit dem Land der „Dichter und Denker“. Obwohl der Buchmarkt behauptet, es gäbe keinen Grund zur Sorge, so sieht man in seinem privaten Umfeld immer weniger Menschen, die ihre Freizeit mit einem Buch vor der Nase genießen. Ausreden gibt es viele: Man habe keine Zeit oder sei beruflich zu sehr eingespannt. Die Familie oder der Sport… „irgendwas ist immer“.

Da Bücher, neben mehr oder weniger spannenden Geschichten auch Sprache mit ihren Vokabeln unter das Volk brächten, braucht man sich nicht wundern, dass es nicht nur auf der Seite der Leser dünn gesäht ist, sondern gleichwohl auch auf der Seite der „Schreiber“. Wie oft begegnet man Kommentaren in sozialen Medien, die vorrangig die Frage aufwerfen, was das eigentlich sagen oder ausdrücken soll.

Menschen krawallen lautstark ihre Rechtschreibschwäche in das Land und denken sich nichts dabei. Man muß nicht Germanistik studiert haben, um seiner Sprache, auch in schriftlicher Form, einigermaßen Herr zu sein. In der Tat befähigt „richtiges Schreiben“ allein schon eine Qualifikation, mit der man Geld verdienen kann. Man wird nicht reich, doch sind unzählige Text-Agenturen stets auf der Suche nach „Studenten“, die Texte zu allen möglichen Themen verfassen.

Angefangen bei „schlüpfrigen Kurzgeschichten“ bis hin zu rechercheaufwendigen Fachartikeln zum Thema Geldanlage oder Medizin. Diese Texte finden dann meist Verwendung auf diversen Internetseiten und informieren Interessierte z. B. darüber, was man vor dem Abschluß einer Hundehaftpflicht beachten muss, oder wie man Schimmel in den eigenen vier Wänden beseitigt.

Solche Texte werden geschrieben von einer Armee von meist freiberuflichen Textern, die tatsächlich nicht viel mehr Handwerkszeug brauchen als Allgemeinwissen und der Fähigkeit einen Satz gerade auf’s Papier zu bringen. Dabei haben diese Texte noch nicht einmal einen „literarischen Anspruch“. Nein – diese Texte sind einfach nur „richtig geschrieben“ – eben ganz so, wie man es von Facebook nicht kennt.

Wir warten noch immer ein wenig auf eine Art „Kulturrevolution“, nach der Lesen wieder „cool“ ist. Wir ahnen, da können wir lange warten – aber vielleicht besinnt sich ja der eine oder andere auf Talente wie das Schreiben und zaubert für 10 Euro unterhaltsame Texte zum Thema Schimmel im Wohnzimmer. Das wäre zumindest ein Anfang, denn unter ganz ähnlichen Bedingungen und Honoraren hat auch der US-amerikanische Autor Henry Miller mit dem Schreiben begonnen. Es wäre doch tragisch, wenn mit Günter Grass der letzte ernstzunehmende Autor der Republik zu Grabe getragen wurde. Man wünscht sich mehr solcher „Dichter“ – selbst in diesem Land.

In diesem Sinne: Welches Buch wird an diesem Wochenende aus dem Regal genommen? Oder vielleicht schreibt man eine kleine Geschichte? Tagebuch vielleicht? Schließlich sind wir alle Zeugen der Zeit, in der wir leben. Da hatte Anne Frank uns nichts voraus, wenngleich ihre Geschichte sicherlich tragischer gewesen ist, als die einer Hausfrau im Deutschland 2019. Zu „erzählen“ hätten wir jedoch alle etwas… und vielleicht sogar eine Geschichte, die in ein paar Jahrzehnten wichtig wird.