(Ladelund) – In der KZ-Gedenkstätte Ladelund im Kreis Nordfriesland erinnerten Bischof Gothart Magaard und der Honorarkonsul der Niederlande, Hylke Boersta, an die Opfer des Konzentrationslagers und die Zerstörung des niederländischen Ortes Putten durch die deutschen Wehrmachtbesatzer vor 75 Jahren.

Die deutsche Wehrmacht hatte 1944 das Dorf als Vergeltungsaktion zerstört und 660 Männer im Alter von 17 Jahren aufwärts in Konzentrationslager verschickt. Die Festnahme der Männer am 1. Oktober 1944 in Putten war eine Strafaktion im Namen des deutschen Wehrmachtsbefehlshabers und „General der Flieger“ Friedrich Christiansen, der im übrigen von Wyk auf Föhr stammte, wo er am 12. Dezember 1879 geboren wurde.

Kriegsverbrecher General der Flieger
Friedrich Christiansen

Nach Kriegsende wurde er im niederländischen Arnheim als Kriegsverbrecher zu zwölf Jahren Haft verurteilt und wurde schon 1951 vorzeitig aus der Haft entlassen. Der Stadtrat seiner Heimatstadt Wyk auf Föhr nahm seine Freilassung im Jahre 1951 zum Anlass, die ihm 1932 verliehene Ehrenbürgerschaft zu erneuern und eine Straße, die bereits früher seinen Namen getragen hatte, wieder nach ihm zu benennen.

Dieses wurde in den Niederlanden und in Dänemark mit großer Empörung aufgenommen. Im Mai 1980 erhielt die „Friedrich-Christiansen-Straße“ ihren alten Namen „Große Straße“ nach einer mehrmonatigen, in der Stadt Wyk umstrittenen Diskussion zurück. Die Ehrenbürgerschaft wurde ihm nicht aberkannt, da sie mit seinem Tode am 03.Dezember 1972 in Aukrug erloschen war.

Zumindest entschied der Gemeinderat von Aukrug im März 2016, Christiansen die 1933 verliehene Ehrenbürgerschaft wegen seiner Teilnahme an Kriegsverbrechen symbolisch mit einem protokollierten Beschluss abzuerkennen. Es geschah zwar sehr spät – aber zumindest wurde ihm die Ehrenbürgerschaft ihm wenigstens „post mortem“ entzogen, wozu sich WYk auf Föhr bis heute nicht hat durchringen können.

Die von Christiansen angeordnete Razzia war eine „Vergeltungsaktion“, nachdem Widerstandskämpfer in der Nähe von Putten einen Anschlag auf einen Geländewagen der Wehrmacht durchgeführt hatten. Dabei wurden ein Fahrzeuginsasse und ein Widerstandskämpfer getötet.

Das Außenlager des KZ-Ladelund des Konzentrationslagers Neuengamme bei Hamburg wurde auf den ehemaligen Gelände des „Reichsarbeitsdienstes“ am 1. November 1944 im Zusammenhang mit dem Bau des so genannten „Frisenwalls“ mit KZ-Häftlingen belegt. Der „Friesenwall“ war eine geplante, aber nur teilweise ausgeführte Wehranlage, die an der deutschen Nordseeküste gegen Ende des Zweiten Weltkrieges erstellt werden sollte. Das Konzentrationslager bei Ladelund war hierbei für die Errichtung von Schützengräben und Geschützstellungen einer militärisch sinnlosen „Riegelstellung“ südlich der dänischen Grenze zuständig. Am 16. Dezember 1944 wurde das Lager wieder aufgelöst, doch iInnerhalb der nur anderthalb Monate, in denen es bestand, starben 300 von über 2.000 KZ-Insassen durch sehr harte Arbeit und große körperliche Entbehrungen.

Bischof Magaard sagte: „Wie über Gräber hinweg internationale Zusammenarbeit, Versöhnung und Freundschaft möglich ist, wird am Beispiel von Ladelund deutlich. Den Anfang machte Pastor Johannes Meyer, der es sich 1946 zur Aufgabe machte, die Hinterbliebenen über das Schicksal der 110 Männer aus dem niederländischen Putten, die hier im KZ Ladelund umkamen, aufzuklären und zu besuchen.“

Die Bürgermeister der Gemeinden Putten und Ladelund unterzeichneten einen Partnerschaftsvertrag. Das sei ein Zeichen der Hoffnung und des Friedens, so Bischof Magaard.

Honoralkonsul Boersta zitierte in seiner Rede den niederländischen Staatssekretär Paul Blokhuis: „Die Generationen, die nach uns kommen, sind Kinder der Freiheit. Um zu verstehen, was diese Freiheit bedeutet und was es zu beschützen gilt, müssten zukünftige Generation wissen, was passiert ist. Unser Privileg der Freiheit ist ein Erbe des Krieges, ein Erbe des Nie-mehr. Dieses Erbe verpflichtet.“ Er mahnte an, den Frieden zu verteidigen und mit anderen zu teilen.

In Schleswig-Holstein richteten der Landtag, die Landesregierung, die Landeshauptstadt Kiel und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. gemeinsam die zentrale Gedenkstunde im Landeshaus in Kiel zum Volktrauertag aus.

In der einstündigen Gedenkveranstaltung sprachen eben dem Landtagspräsidenten Klaus Schlie (CDU) und dem Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) auch die erst 17 Jahre alten Schülerin Lea Hinz, die zuvor um einen Redebeitrag gebeten wurde. Und sie traf mit ihrer Rede offenbar den Nerv vieler Besucher, denn sie erhielt ganz entgegen dem üblichen Ablauf solcher Veranstaltungen offenen Applaus.

Lea Hinz räumte zunächst freimütig ein, sich bei der Vorbereitung ihres Auftritts die Frage gestellt zu haben: „Was geht mich der Volkstrauertag eigentlich an?“ Eine Frage, die sich auch die meisten ihrer Mitschüler stellten, die großenteils noch nicht einmal um die Existenz dieses Gedenktages wüssten. „Wir kennen keine Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges mehr in unseren Familien. Wir kennen keine echten Schlachtfelder, und echtes Leid durch Krieg kennen wir bestenfalls aus dem Fernsehen und von Filmen, aber uns direkt ist es meist unbekannt.“

von

Günter Schwarz – 17.11.2019