(Rødbyhavn) – Sie hatte blaue Augen und hatte gerade eine Stockente und Haselnüsse gegessen, als sie auf einem Birkenstamm saß kaute. und es vor 5700 Jahren auf Lolland ausspuckte. Das kleine schwarze Stück Birke, das Søren Anker Sørensen aus einer Plastiktüte geschüttelt hat und jetzt in der Hand hält, sieht nicht nach viel aus. „Aber darin stecken Informationen, die die vielen Jahre wert sind, an dieser Stelle zu graben“, sagt der Ausgrabungsleiter des Museums Lolland-Falster.

„Das Stück Holz ist ungefähr 5700 Jahre alt und wurde von einem Mädchen angeknabbert, wobei sie ihre DNA hinterlegt hat. Und dieses hat eine Vielzahl von Informationen über das Mädchen geliefert. Wir können sogar sagen, dass sie überempfindlich gegenüber Milchprodukten war“, sagt er.

Søren Anker Sørensen mit dem kleinen Holzstück

Wir sind in einem Lagerhaus etwas außerhalb von Rødbyhavn. In der Halle befinden sich zwei Containerreihen mit Fundstücken aus der großen archäologischen Ausgrabung, die das Museum Lolland-Falster in den letzten sechs Jahren vor dem Bau des Fehmarnbelttunnels durchgeführt hat.

Birkenpech, eine schwarze teerähnliche Masse, entsteht aus Birkenrinde, die sie in der Steinzeit als Universalkleber verwendeten, um beispielsweise Tongefäße zu versiegeln oder Pfeilspitzen anzubringen. Es wird jedoch angenommen, dass Steinzeitmenschen es auch als Kaugummi verwenden, um ihren Mund zu reinigen, da Birke antiseptisch ist.

Birkenpech wurde schon einmal gefunden, aber zu diesem Zeitpunkt hatte noch niemand an den Archäologen Theis Trolle Jensen gedacht, der bei der Suche nach dem Klumpen half. „Ich habe mich gefragt, ob da DNA dran ist“, sagt er.

Theis Trolle Jensen

Theis Trolle Jensen macht eine kurze Pause und lacht fast so, als wäre er immer noch überrascht, bevor er fortfährt: „Es stellte sich heraus, dass DNA daran war. Sogar in großen Mengen.

Als Theis Trolle Jensen im Jahr 2016 mit seiner Promotion beginnen wollte, durfte er eine Probe des Pechklumpens auf dem Holz entnehmen und war überrascht, als er zusammen mit seinem Doktorvater und außerordentlichen Professor Hannes Schroeder ihn zu analysieren begann. „Als wir die ersten Ergebnisse hatten, glaubten wir es kaum, dass es so viel DNA darin gab und dass sie so gut erhalten war“ sagt er.

Tatsächlich sind die Ergebnisse so gut, dass sie zum ersten Mal ein ganzes Genom eines dänischen Steinzeitmenschen nachbilden. Dieses bedeutet, dass sie das gesamte menschliche Genom kartiert haben, und es erzählt viel über das Mädchen, das jetzt intensiv auf den Computerbildschirm von Theis Trolle Jensen an der Universität København zu sehen ist.

In der Steinzeit verwendeten sie Birkenpech unter anderem als eine Art Sekundenkleber, um Tongefäße auszubessern und Pfeilspitzen anzubringen.

Das Bild zeigt, wie das Mädchen ausgesehen haben könnte. Die DNA-Ergebnisse geben ein ziemlich genaues Bild davon, wer sie war und was sie genau an dem Tag tat, als sie vor 5700 Jahren auf dem Stück Birke kaute.

Man weiß zum Beispiel, dass sie dunkle Haut, dunkles Haar und blaue Augen hatte. Sie hatte auch gerade eine Stockente und Haselnüsse gegessen, und dann hatte sie viele schädliche Mundbakterien, aber auch einige ebenso gute Bakterien im Mund und einige ziemlich überraschende Viren, die normalerweise nicht konserviert werden. „Wir haben ein Bakterium gefunden, das bei Menschen mit reduziertem Immunsystem eine Lungenentzündung verursachen kann. Und dann haben wir einen Virus gefunden, der heute als Kusskrankheit bekannt ist“, sagt Theis Trolle Jensen, und er erzählt noch etwas, was vielleicht am überraschendsten ist.

„Vor 5700 Jahren waren wir in Dänemark seit ein paar hundert Jahre in der Bauernzeit. Das heißt, das Mädchen hat auf Feldern gearbeitet und Haustiere gehalten, aber ihre DNA zeigt, dass sie genetisch zu einer Gruppe von Jägern und Sammlern und nicht zu eingewanderten Bauern gehörte. Es ist daher vorstellbar, dass sie Teil einer Gruppe war, die weiterhin als Jäger und Sammler lebte und sich hauptsächlich von der Jagd auf wilde Tiere und dem Sammeln von Beeren und Kräutern in freier Wildbahn ernährte“, sagt er.

Theis Trolle Jensen nahm selbst an der Ausgrabung teil, als der Birkenpechklumpen gefunden wurde.

Dies ist interessant, weil seit vielen Jahren diskutiert wird, wie der Übergang von der Jägersteinzeit zur Bauernzeit erfolgte. Einige Theorien deuten darauf hin, dass es ein plötzlicher Übergang war, in dem Jäger und Sammler schnell vertrieben wurden. Aber das Mädchen in Rødbyhavn gefundene Mädchen deutet auf etwas anderes hin.

„Man muss bedenken, dass es nur eine Person ist, von der wir sprechen. Aber es scheint so, dass es unten in Lolland bei Rødbyhavn eine Gruppe von Menschen gab, die als Jäger und Sammler lebten und gleichzeitig Kontakt zu den Bauern hatten“, sagt der Archäologe.

Der Grund, warum der Speichel und damit die DNA des Steinzeitmädchens so gut erhalten ist, ist, dass das Rindenpech hindert hat, dass anderes störendes Material in die DNA-Spuren des Mädchens eindringen und diese zerstören konnten. Das Pech war eine Art Zeitkapsel.

„Es ist eine Momentaufnahme des Tages, an dem wir das Mädchen sehen können, wie sie aussah, was sie aß und von welchen Bakterien sie befallen war, und es ist doch unglaublich privat, wenn man so sagen will, dass wir all diese Informationen von dem Tag einer Person vor so vielen Tausend Jahren erhalten können“, sagt Theis Trolle Jensen.

Bei den Ausgrabungen in Rødbyhavn wurden auch Überreste anderer Menschen gefunden. Unter anderem wurden Fußabdrücke entdeckt, und dann wurde eine Tonscheibe mit Zahnspuren darauf gefunden. Es sind jedoch nur Zahnspuren auf einer Seite, so dass nicht in den Ton gebissen wurde. Vielleicht ist es der Abdruck des Unterkiefers eines Verstorbenen, sagt Søren Anker Sørensen. In der Steinzeit gab es viele religiöse Rituale. So kann es vielleicht auch nur der Unterkiefer eines Toten gewesen sein, der als Stempel zum Markieren verwendet wurde.

Tonscheibe mit Markierungen von Zähnen eines Unterkiefers.
In Rødbyhavn wurden Spuren aus der Vergangenheit gefunden.

Dass es in Rødbyhavn mals schon menschliche Aktivitäten gegeben hat, ist für Søren Anker genauso selbstverständlich wie für die Reederei Scandlines, die heute nur von hier aus nach Deutschland fährt. Die Entfernung ist hier die kürzeste über den Femernbælt (Fehmarnbelt), und es gibt viele Hinweise darauf, dass unsere Vorfahren bereits in der Steinzeit regelmäßigen Kontakt mit dem heutigen deutschen Raum hatten.

„Wir haben Äxte gefunden, die normalerweise nur im deutschen Raum zu finden sind. Hier haben wir auch einige der frühesten Haustiere Dänemarks gefunden, die auf den Übergang zwischen dem Jäger-Steinzeitalter und dem dem Bauern-Steinzeitalter zurückgehen. Das alles kam aus dem deutschen Raum. Ich denke, es gab hier einen zentralen Ort, von dem aus sie über den Femernbælt nach Deutschland übergesetzt haben, um zu handeln und Dinge auszutauschen.

Das Gebiet in Rødbyhavn, in dem die DNA des steinzeitlichen Mädchens in einem Stück Birkenpech gefunden wurde.

Es ist wahrscheinlich auch über den Femernbælt hinweg, dass Jäger und Sammler der Zeit auch die landwirtschaftliche Nutzung kennenlernten. „In Mitteleuropa haben sie das Land etwas früher bewirtschaftet und Vieh gehalten als wir in Dänemark“, sagt Søren Anker Sørensen,

„Vielleicht war es eine geringfügige Einwanderung deutscher und mitteleuropäischer Landwirte, die hierher kamen und die Agrarwirtschaft in Dänemark einführten. Ich denke, Sie müssen sich vorstellen, dass das südliche Lolland das Tor Ostdänemarks nach Europa in war. Auf diese Weise ist die Verbindung zum mitteleuropäischen Raum zustandegekommen.

Das Mädchen aus Lolland wurde nach dem Namen der Insel, auf der ihre DNA gefnden wurde, „Lola“ getauft,. Die Ausgrabungsleiterin des Museums Lolland-Falster hat Schwierigkeiten, ihre Begeisterung darüber zu verbergen, wie viel das Mädchen über das Leben in Rødbyhavn preisgegeben hat.

„Es ist, als würde man einen Steinzeitmenschen treffen, der einem seine Hand über fast 6000 Jahre hinweg entgegenstreckt und sagt, bitte, hier haben Sie einen Eindruck davon, was ich vor so vielen Jahren gemacht habe“, sagt sie.

Die erstaunlichen Ergebnisse wurden gerade in der renommierten und eine der bekanntesten wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht. Insgesamt 22 Forscher waren an diesem umfangreichen Projekt beteiligt.

Der Birkenpehklumpen selbst, den „Lola“ vor 5700 Jahren gekaut hat, wird in diesem Sommer zusammen mit vielen anderen archäologischen Funden aus der Femernbælt-Ausgrabung im Stiftmuseum in Maribo ausgestellt.

von

Günter Schwarz – 18.12.2019