Die Arktis hat schon früher Wärme erfahren, aber der Klimawandel verschärft die Situation. Der Sommer beginnt früh. Für die meisten mag es gut klingen, aber in der Arktis, die derzeit von einer starken Hitzewelle getroffen wird, ist die Hitze weniger willkommen.

An mehreren Orten in der Arktis wurden Temperaturen gemessen, die bis zu 20 Grad wärmer sind als der Durchschnitt des gleichen Zeitraums in den Jahren von 1979 bis 2000. Und die Hitze scheint noch einige Zeit anzuhalten. Laut Martin Stendel, Klimaforscher am DMI, sind die hohen Maitemperaturen über der Arktis recht ungewöhnlich.

„Eine so große Temperaturabweichung erlebt man normalerweise nicht so früh im Jahr. An einigen Orten bedeutet es, dass die Temperatur bis zu 20 Grad oder sogar leicht darüber liegt, und dieses sind Orte, an denen es Permafrost gibt“, sagt er. In Permafrostregionen ist die Erde dauerhaft gefroren, und sie sollte es vorzugsweise bleiben.

Im Permafrost werden nämlich große Mengen der Treibhausgase CO₂ und Methan eingeschlossen. Wenn der gefrorene Boden jedoch austrocknet, werden die Gase in der Atmosphäre abgegeben, wo sie dazu beitragen, den Klimawandel noch weiter voranzutreiben. Heute ist fast ein Viertel der Landfläche der nördlichen Hemisphäre dauerhaft gefroren, aber Wissenschaftler erwarten, dass bis 2040 bis zu 20 Prozent des Permafrosts in den oberen Bodenschichten aufgetaut sein werden. Und bis zum Jahr 2080 können bis zu zwei Drittel auftauen!

Im Sommer 2019 waren mehrere arktische Regionen – einschließlich Sibirien – von starker Hitze und Dürre betroffen, was zu einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Wald- und Naturbränden führte. Die russischen Behörden befürchten eine ähnliche Situation in diesem Jahr, wenn die Hitze über der Arktis anhält.

Das Auftauen von Permafrost ist nicht die einzige Herausforderung, die Hitze mit sich bringt. Es treibt auch das Schmelzen von Eis und Schnee in der Arktis voran, wo die Schmelzsaison jetzt schon im Frühjahr beginnt. Je mehr Eis und Schnee schmelzen, desto mehr dunkle See- und Landoberfläche taucht unter dem Eis auf. Eine dunkle Oberfläche absorbiert aber mehr Energie – und damit Wärme – von der Sonne als eine helle Eisoberfläche, die die Sonnenstrahlen reflektieren. Wenn Eis und Schnee früher schmelzen, kann die Erdberfläche mehr Energie von der Sonne aufnehmen – und wird dadurch noch heißer.

Gleichzeitig kommt die Hitzewelle nach einem Jahr 2019, der einen rekordverdächtigen Sommer über der Arktis und einen ungewöhnlich warmen Winter in weiten Teilen Nordeuropas brachte.

Obwohl die aktuelle Hitze über der Arktis außergewöhnlich ist, ist es nicht das erste Mal, dass das normalerweise kalte Gebiet von großen Temperaturabweichungen betroffen ist. Da die Arktis in den letzten 100 Jahren im Durchschnitt jedoch wärmer geworden ist, kann eine Temperaturabweichung heute eine viel größere Bedeutung haben als in der Vergangenheit.

„Wenn dieses vor einigen Jahrzehnten geschah, war die Arktis kälter und eine Temperaturabweichung von 20 Grad könnte bedeuten, dass die Temperatur beispielsweise plus zehn Grad statt minus zehn Grad betrug. Aber jetzt könnte die Situation bedeuten, dass die Temperatur 20 Grad statt Null beträgt und das Schmelzen des Eises eherund in größeren Mengen eintritt“, sagt er.

Von 1971 bis 2017 ist die durchschnittliche Lufttemperatur über der Arktis um 2,7 Grad gestiegen. Dieses ist 2,4-mal mehr als der Durchschnitt für den Rest der nördlichen Hemisphäre. „Doch obwohl wir immer mehr Wärmerekorde sehen, können wir sie nicht direkt mit dem Klimawandel in Verbindung bringen“, betont Martin Stendel. Was wir sehen, sind Wetterphänomene, und die aktuelle Hitzewelle über der Arktis ist darauf zurückzuführen, dass warme Luft aus dem Süden über Russland hereinströmt.

„Man kann den Klimawandel also nicht direkt mit solchen Einzelphänomenen verknüpfen“, sagt Martin Stendel und fährt fort: „Der Klimawandel verändert jedoch die Wahrscheinlichkeit unterschiedlicher Wettersituationen.“

Eine Studie aus dem Jahr 2019 ergab unter anderem, dass die Hitzewelle, die Europa im Sommer 2018 traf, ohne die „Hilfe“ des vom Menschen verursachten Klimawandels nicht möglich gewesen wäre.

von

Günter Schwarz – 24.05.2020