Eines ist sicher: Das Jahr 2020 war und ist anders als jedes davor – und so ist auch das diesjährige Weihnachten. Durch die Corona-Pandemie sind vielfach die Erwartungen an das Fest noch höher als sonst schon, denn was Freude, Hoffnung und Trost angeht, war Weihnachten unter den Christen schon immer unschlagbar.

Selbst wenn man nicht religiös ist, bietet das Fest viele Elemente, die gemeinhin als Stimmungsaufheller gelten: das Licht von Christbaum und Kerzen, die stimmungsvolle Musik, Düfte, gutes Essen, Geschenke und zumindest die fromme Absicht, im Kreis der Angehörigen ein friedliches Fest zu begehen.

Für Gläubige kommt die christliche Botschaft von Freude und Hoffnung durch die Geburt des Erlösers hinzu. Kein Wunder, dass das Fest, das in unseren Breitengraden mitten in die düsterste Jahreszeit fällt, für viele Menschen etwas so Positives bedeutet.

Genau dadurch kann die Erwartung an das Festes aber auch überfrachtet werden, auch wenn es in Pandemiezeiten theologisch einen Sinn ergibt. „Wenn man in der Dunkelheit ist, scheint das Licht heller!“

Das Weihnachtsfest als Zentrum von Hoffnungen und Erwartungen ist nichts Neues. „Das Hoffen auf Erlösung in dunkler Zeit, darauf, dass es wieder licht wird – dieses Motiv findet sich schon im Alten Testament, aus der Zeit des Babylonischen Exils“, erklärt ein Theologe. Aus dieser Zeit, als im sechsten Jahrhundert vor Christus ein großer Teil der Bevölkerung Judäas ins Exil musste, stamme auch die Erwartungshaltung, dass ein Erlöser, der Messias, kommen werde.

Diese Haltung spiegelt sich in der Gegenwart, denn auch in der Pandemie wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass wieder bessere Zeiten kommen. Hier besteht die Gefahr, das Fest zu überfrachten, dahinter steht vielfach der Wunsch, „dass es so wird wie früher“. Das Licht muss noch heller scheinen, wenn es besonders dunkel ist – und das kann zu überzogenen Erwartungen führen.

Zwischen Hoffnung und Erwartung ist zu unterscheiden, denn Letztere werde häufig nicht erfüllt. Die Hoffnung auf Erlösung hingegen habe sich für die Christen in der Geburt des Jesus von Nazareth bereits vollzogen. Die Geschichte um das Kind sei „nachträglich“, durch die Evangelien, vor allem das Lukasevangelium, hinzugefügt worden, denn ursprünglich ging es um die politische Erlösung eines „erwählten“ Volkes. Diese wurde in einer Ausweitung durch das Christentum auf alle Völker übertragen.

Schon beim Propheten Jesaja gibt es die „Erwartung der Erlösung in Verbindung mit etwas Physischem, auf eine Person, die Frieden und Gerechtigkeit bringt“. So steht im Alten Testament (Jes 7,14): „Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben. Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.“

Gleichzeitig ist das Fest seit damals „stark individualisiert“ worden, zum Familienfest im engen Kreis. Aber Weihnachten bedeutet auch „Hoffnung für die am Rand“. Weihnachten selbst erinnert an Menschen, die auf der Flucht sind.

Das Kind selbst stellt das „Urbild“ des Motivs Hoffnung dar: „Leben wird weitergegeben – dieses Lebensmotiv verbindet Weihnachten mit Ostern“. In jeder Familienfeier, an der mehrere Generationen teilnehmen, spiegelt sich dieses Motiv in den Großeltern, Eltern und Kindern: „Das Leben geht weiter.“

Vor allem ist da auch „die christliche Hoffnung, dass da nicht ein grausamer, uninteressierter Gott im Weltenall herrscht, sondern dass es ein Gott der Liebe ist, der die Welt ‚so sehr geliebt hat‘“, dass er seinen einzigen Sohn gesandt hat (Joh 3,16).

Gerade in schweren Zeiten besteht die Gefahr, zu viel in das Weihnachtsfest hineinzulegen – viele denken schon lange darüber nach, wie es diesmal zu gestalten ist. „Weihnachten kann vieles sichtbar machen und ein Weckruf sein: Einsamkeit, Ausgestoßensein“ werden wie unter der Lupe größer wahrgenommen.

Auch das, was verbindet, ist in diesem Jahr anders: „Man bleibt daheim, aber nicht um des eigenen Heils willen“, sondern um andere, Schwächere, zu schützen. Weltweit hat man allerdings gesehen, wie schnell die Staaten in den Nationalismus abgleiten – Stichwort Verteilung von Impfstoffen. Das Virus aber zeigt: „Ein Volk lebt nicht für sich allein. Das Heil muss für alle gelten, nicht nur für Einzelne. Das macht uns die Pandemie klarer.“

Man sollte die Coronavirus-Krise nicht ausschließlich negativ sehen: „Krisen sind Zeiten, in denen man am meisten lernen kann.“ Das führt bis hin zum Reflektieren der Frage: „Was ist Gott für uns?“

Weihnachten ist als Fest der Menschwerdung Gottes zu sehen, dass wir nicht von einem bösartigen oder auch beliebigen Schicksal abhängig sind, sondern von der Liebe. Liebe ist ein Geschenk, unverdient – und weil wir von Gott alles geschenkt bekommen haben (nämlich das Leben, das Menschsein), gehört auch das Schenken zu Weihnachten dazu.

Das Thema der Liebe zeigt sich nicht nur im Kind in der Krippe, sondern auch in der Liebe zu allen Menschen, und damit schließt sich der Kreis zu den Flüchtlingen aus dem griechischen Lager Moria und vielen, vielen anderen Flüchtlingslagern in dieser Welt. Die Liebe Gottes gilt allen Menschen ohne Ausnahme; sie ist nicht reserviert für einige besonders fromme, reiche, brave Menschen.

von

Günter Schwarz – 24.12.2020

Foto: Archivbild