Es ist still geworden in Deutschland. Natürlich, die Nachrichten laufen immer weiter, aber welche „Privilegien“ sollen diejenigen erhalten, die geimpft sind? Es hat einen Anflug von ADHS im Impf-Entwicklungsland. Das ZDF zeigt in seinen Nachrichtensendungen unbeirrt unzählige geimpfte Oberarme – notfalls aus dem Ausland.

Dennoch: Es ist still geworden in Deutschland. Ich sehe das Bundeskabinett vor meinem geistigen Auge schweigend in ihren braunen Sesseln am großen, ovalen Kabinettstisch sitzen. Sie sind erschöpft. Nicht einmal der hölzerne Optimismus von SPD-Vizekanzler Olaf Scholz hilft.

In einem Gespräch mit Seelsorgediensten sagte Bundeskanzlerin Merkel unlängst: „Wir versuchen jetzt, die Brücken zu bauen, aber wir wissen auch nicht, wohin wir die genau bauen. Also, das Ufer sehen wir ja auch nicht.“ – Wie wäre es, ein Boot zu bauen, wenn man nicht so recht weiß, wohin eine Brücke zu bauen ist?

Vor den Bund-Länder-Beratungen zur Corona-Politik am morgigen Montag zeichnet sich eine Verlängerung des Lockdown über Ostern hinaus an. Vom Osterurlaub können die Bürger zwar träumen, aber in den Urlaub fahren ist wohl eine Utopie. Die SPD-geführten Länder sprachen sich in einem Beschlussentwurf für eine Verlängerung bis in den April hinein aus, denn die dritte Corona-Welle baut sich auf, so dass die Lockerungen zurückgenommen werden müssen. Man kann nur ungläubig das Land und sein Scheitern in der Pandemie bestaunt bestaunen.

Die Maschinerie der Bürokratie klappert leise im Leerlauf. Nach Mallorca darf man in den Urlaub reisen, in den Schwarzwald oder an die Nordseeküste nicht, denn die Inzidenzwerte sind auf den Balearen niedriger als in Deutschland. Die Verimpfung von Astra-Zeneca wurde in Deutschland für zwei Tage ausgesetzt: Dass man in zwei Tagen mehr weiß als vor zwei Tagen, darf man ungeimpft infrage stellen. Dafür kommt jetzt ein Warnhinweis auf den Beipackzettel. Es scheint, Deutschland ist „reif für die Insel“.

Bundespräsident Steinmeier hat die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin am Freitag mit dem „Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern“ ausgezeichnet. Sein Lob über ihren Mut, Einsatz und ihre Weitsicht hörte sich jedoch eher wie eine Mängelliste des staatlichen Krisenmanagements an.

Diese Stille in Deutschland ist vielleicht auch die Stille, bevor die CDU am 26. September mit einem lauten Knall abgewählt wird.

Aber hoffentlich ist es vor allem die Stille vor dem Schuss nach vorn. Vor 20 Jahren war Deutschland der „kranke Mann Europas“, wie „The Economist“ 1999 schrieb. Mit der „Agenda 2010“ kam die deutsche Volkswirtschaft dann überraschend schnell wieder auf die Beine und ließ alle anderen europäischen Staaten hinter sich.

Für Deutschland, vor allem für seine Menschen, war das eine schmerzhafte und notwendige Revolution von oben. Nach den Wahlen wird die neue Bundesregierung das Land erneut auf die Beine bringen müssen: Den Reformstau in der Infrastruktur, der Verwaltung und der Digitalisierung. Das wissen alle, egal, wer regieren wird.

von

Günter Schwarz – 21.03.2021

Fotos: Archivbild