74 Jahre nach dem Tod von Hans Fallada, der als Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen am 21. Juli 1893 in Greifswald geboren wurde und am 15. Februar 1947 in Berlin verstarb, veröffentlicht der Aufbau Verlag einen Band mit bisher unveröffentlichten Geschichten. Das Büchlein ist eine kleine literarische Sensation.

Der in seinem Privat- und Berufsleben „nicht ganz einfache“ Rudolf Ditzen alias Hans Fallada gehörte zu der gutbürgerlichen Familie des preußischen Kronanwalts Wilhelm Albert Ditzen und dessen Ehefrau Caroline Antoinette Rudolphine Stürenburg, die Tochter eines Gefändnisseelsorgers. Mit der Berufung des Vaters zum Kammergerichtsrat zog die Familie 1899 von Greifswald nach Berlin.

Von 1901 bis 1906 Dort besuchte er zunächst das Prinz-Heinrichs-Gymnasium in Schöneberg und anschließend das Bismarck-Gymbasium in Wilmersdorf. Als der Vater Wilhelm Ditzen 1909 als Reichsgerichtsrat an das Reichsgericht berufen wurde, übersiedelte die Familie nach Leipzig, wo Rudolf das Königin Carola-Gymnasium in der Südervorstadt von Leipzig besuchte.

Der Junge litt unter dem Verhältnis zu seinem Vater, der sich für seinen Sohn eine Juristenlaufbahn vorstellte, Aus Falladas Sicht zollte er ihm jedoch nicht die nötige Anerkennung. So zog er sich wie schon auf den Gymnasien in Berlin und im Leipziger Gymnasium immer mehr in sich selbst zurück und wurde zum Außenseiter, Auch während einer kurzzeitigen Mitgliedschaft in der Wandervogel-Bewegung fand er kaum Kontakt zu Gleichaltrigen,

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wurde jedoch abgewisen und aufgrund seiner Alkohol- und Morphinanhängigkeit für „dauernd untauglich“ eingestuft. Die Zeit von 1917 bis 1919 verbrachte Fallada hauptsächlich in Entzugsanstalten und Privatsanatorien, vornehmlich im thüringischen Posterstein.

Im Januar/Februar 1921 war er Patient der Pommerschen Provinzialheilanstalt in Stralsund; die Akten dazu wurden erst 2011 gefunden. In diese Zeit fielen auch erste schriftstellerische Versuche. Zwei damals im Rowohlt Verlag veröffentlichte Romane erreichten kein größeres Publikum und waren für den Verleger ein wirtschaftlicher Misserfolg, ebenso wie ein Übersetzungsprojekt mit Werken vom fanzösischen Schriftsteller und Literatur Nobelpreisträger von 1915 Romain Rolland. in dieser Zeit legte er sich auch das Pseudonym „Hans Fallada“ zu, wobei er sich dabei von den Brüder Grimm inspirieren leß, denn mit dem Vornamen „Hans“ griff er auf das Märchen „Hans im Glück“ zurück und der Nachname „Fallada“ geht auf das Märchen „Die Gänsmagd“ zurück, wobei das Pferd der Königstochter, die von ihrer Magd und Nebenbuhlerin um die Gunst eines Prinzen den Namen „Fallada“ trägt.

Da Fallada in Posterstein eine landwirtschaftliche Lehre absolviert hatte, konnte er sich mit Gelegenheitsarbeiten, vor allem als Gutsverwalter, aber auch als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter der Landwirtschaftskammer Stettin und später als Angestellter einer Kartoffelanbaugesellschaft, finanziell über Wasser halten. Zur Finanzierung seines Morphin- und Alkoholkonsums beging er Unterschlagungen, die 1923 zu einer dreimonatigen Haftstrafe führten. Es folgte 1926 eine zweieinhalbjährige Haftstrafe wegen Betrugs.

Nach seiner Haftentlassung 1928 lernte er in Hamburg-Eilbek Anna Issel, von ihm Suse genannt, kennen – das Vorbild für seine Romanfigur Lämmchen – und heiratete sie am 05.April 1929 in Hamburg. Der erste Sohn Ulrich wurde am 14. März 1930 geboren († 25. Dezember 2013). Es folgten noch drei weitere Kinder: die Zwillinge Edith und Lore (* 18. Juli 1933; Edith starb kurz nach der Geburt und Lore mit knapp 18 Jahren an einer Blutvergiftung) sowie Sohn Achim, der am 03. April 1940 zur Welt kam.

Nach der Heirat lebte das Paar zunächst getrennt. Sie wohnte weiterhin bei ihrer Mutter in Hamburg, er in Neumünster, wo er im örtlichen Fremdenverkehrsverband angestellt war. Fallada arbeitete dort ab Oktober 1928 und war gleichzeitig als Anzeigenwerber und Reporter für die Tageszeitung „General-Anzeiger“ tätig. Vorübergehend wurde er in der Zeit Mitglied der Guttempler und der SPD.

Fallada wandte sich spätestens 1931 mit „Bauern, Bonzen und Bomben“ gesellschaftskritischen Themen zu. Fortan prägten ein objektiv-nüchterner Stil, anschauliche Milieustudien und eine überzeugende Charakterzeichnung seine Werke. Dieser Roman wurde 1973 als fünfteiliger deutscher Fernsehfilm in Schleswig, Rendsburg, Hamburg, Lüneburg, Bartl, Eckernförde und Neumünster gedreht. Obwohl die Handlung von den historischen Ereignissen der „Landvolkbewegung“ um die schleswig-holsteinische Landbevölkerung und deren Boykott der Stadt Neumünster von Fallada in die fiktive pommersche Stadt Altholm verlegt wurde, spielt der Film – den tatsächlichen historischen Ereignissen entsprechend – in Schleswig-Holstein.

Hans Falladas Welterfolg „Kleiner Mann – was nun?“, der vom sozialen Abstieg eines Angestellten am Ende der Weimarer Republik handelt, sowie die späteren Werke „Wolf unter Wölfen“, „Jeder stirbt für sich allein“ und der postum erschienene Roman „Der Trinker“ – was er ja selbst war – werden heute der „Neuen Sachlichkeit“ zugeordnet,

95 Jahre hat es gedauert bis das verloren geglaubte Gerichtsgutachten über Hans Fallada gefunden wurde. 1925 war das vom Rechtsmediziner Ernst Ziemke erstellt worden. Damals war Fallada verhaftet und nach Kiel gebracht worden. Da hatte er 6.000 Reichsmark veruntreut, war quer durch Deutschland geflohen und hatte nächtelang durchgesoffen. Die heutige Leiterin der Rechtsmedizin Kiel, Professorin Johanna Preuß-Woessner, hat die Fallada-Akte nun aufgespürt. Und noch vieles mehr.

„Es war tatsächlich ein bisschen wie im Film“, erzählt Johanna Preuß-Woessner. „Ich habe ja eigentlich primär dieses ärztliche Gutachten von Professor Ziemke gesucht und habe dann aber direkt gesehen, dass da auch ganz viele handschriftlich beschriebene Blätter sind, die offensichtlich auch original sind. Das war für mich sofort ersichtlich, dass das Geschichten oder Kurzgeschichten sind.“

Zu Hause recherchierte Johanna Preuß-Woessner die Handschrift von Hans Fallada. Bald war klar: Sie hatte auch Originale von Erzählungen des Schriftstellers gefunden. Die gebürtige Greifswalderin, die mit Falladas „Geschichten aus der Murkelei“ aufgewachsen ist, nahm Kontakt zum Aufbau Verlag und zu Fallada-Biograph Peter Walther auf. Gemeinsam haben sie jetzt den Fund herausgegeben: Fünf Erzählungen, darunter zwei bislang unveröffentlichte.

„Ich glaube, das, was in diesen Erzählungen oder auch in dem Gutachten zu finden ist, bestätigt auf vielfältige und sehr farbige Weise das, was man von dem Leben von Fallada vor allen Dingen von der komplizierten Beziehung zwischen Literatur und biografisch Authentischem vorher schon wusste“, sagt Herausgeber Peter Walther.

Eine dieser bislang gänzlich unbekannten Kurzgeschichten trägt den Titel „Lilly und ihr Sklave“. Lilly, eine junge Frau aus jüdischem Haus, ist es gewohnt über Menschen zu herrschen, vor allem über Männer. Sie spielt mit ihnen und ihrer Zuneigung zu ihr. Bis sie eines Tages vergewaltigt wird. Der jungen Frau gelingt es nur mit großer Mühe, den Hausarzt zu einer Abtreibung zu überreden. Danach landet sie in einem Sanatorium – wie Fallada selbst mehrfach.

„Bei ,Lilly und ihr Sklave‘ ist es eher eine Beziehung, die auf Misstrauen und auf Zwang beruht“, sagt Walther. „Also eine eigentlich hochmoderne Konstellation, die, wäre sie damals zur Veröffentlichung gekommen, sicher auch einen Teil der literarischen Debatte und der literarischen Moderne der 20er-Jahre geworden wäre.“

Zum Teil sind diese neu aufgetauchten Erzählungen wohl 1926, nach Falladas Verurteilung, in der Haft entstanden. In „Drei Jahre kein Mensch“ zum Beispiel erzählt Fallada von seiner Odyssee vor der Verhaftung.

„In dieser Erzählung finden sich schon haarklein die Details dieser Fahrt“, sagt Peter Walther. „Und, was wirklich neu ist, nachdem man das Gutachten kennt, das Frau Preuß-Woessner gefunden hat, ist, dass man an dieser einen Geschichte sehr gut erkennen kann, wie er mit dem Authentisch-Biografischen im Verhältnis zum Literarischen umgeht. Denn Literatur und Leben verhalten sich bei ihm tatsächlich wie in einem Spiegelkabinett.“

Lange Zeit war unklar, dass Fallada 1925 in Berlin verhaftet worden ist, nachdem er die 6.000 Reichsmark veruntreut hatte. Auch darüber gibt der Fund von Johanna Preuß-Woessner Auskunft und schließt damit eine biografische Lücke im Leben des Schriftstellers.

„Da finden sich in dieser jetzt aufgefundenen Akte auch Abschriften der Berliner Ermittlungsakten, wo eigentlich davon auszugehen ist, dass die in Berlin nicht mehr vorhanden sind. Dadurch war noch ein Primärquellenstudium möglich in einem Maße, wie das sonst vielleicht nicht möglich gewesen wäre“, sagt Johanna Preuß-Woessner.

Geborgenheit, nach der er sein Leben lang gesucht hat, konnte er zumindest für eine begrenzte Zeit an der Seite seiner Ehefrau Anna Issel erleben. Sie hatte er 1928 kennengelernt und wenig später geheiratet, nachdem er frisch aus der Haft entlassen war.

Hans Fallada: „Lilly und ihr Sklave“
Herausgegeben von Johanna Preuß-Wössner und Peter Walther
Aufbau Verlag, Berlin 2021 / ISBN: 3351038828
269 Seiten, 22 Euro / erschienen am: 12. Apüril 2021

von

Günter Schwarz – 13.04.2021

Fotos: Archivbild