Es war ein heißer Sommertag Anfang Mai 1964 wie so viele andere an Bord des Schiffes „Jutlandia.“ Das Schiff fuhr als Passagier- und Frachtschiff für die Ostasiatische Kompanie – etwas mehr als zehn Jahre nachdem es als Lazarettschiff als Dänemarks UN-Beitrag im Koreakrieg gefahren war.

Die „Jutlandia“ legte in Singapur bei untergehender Sonne auf dem Weg nach Bangkok ab, wo es Passagiere und Ladung abholen sollte, die nach København solten. An Bord der „Jutlandia“ war der Schiffsarzt Jürgen Schmidt aus Toftlund. Er wurde 1931 geboren und ist heute 90 Jahre alt.

Ein paar Monate zuvor hatte er das Schiff in København für seine Traumreise bestiegen. Doch nun kam der Schiffstelegraf „Gnisten“ mit einem Telegramm aus seinem Elternhaus von zu Hause in Toftlund. Ein Telegramm mit einer Botschaft, die den Rest der noch knapp drei Monate dauernden Reise überschattet. Wäre ein Arzt wie sein Vater als Hausarzt im Kinderheim Søndergade 20 in Toftlund. Es war auch vorgesehen, dass Jürgen einmal selbst Hausarzt werden würde.

Jürgen Schmidt (dritter von rechts, mittlere Reihe) mit seiner Klasse. Schon von klein auf wollte Jürgen Arzt wie sein Vater werden. Foto: Archiv für lokale Geschichte von Toftlund

Der Wunsch war schon in jungen Jahren da, und vor allem in seiner Jugend arbeitete er schon zielstrebig dafür, um Arzt zu werden. „Als ich auf dem Gymnasium anfing, wurde mir klar, dass ich die gleiche Ausbildung wie mein Vater haben musste. Als ich noch ein fauler Junge war, hätte ich genauso gut Fahrradmechaniker oder was auch immer werden können.

1958 promovierte er dann als Arzt mit Doktortitel der Universität København. Aber es war nicht unbedingt in Sicht, dass er die Praxis seines Vaters übernehmen sollte. Jürgen Schmidt hatte sich auf Chirurgie spezialisiert und arbeitete die ersten fünf Jahre seiner ärztlichen Tätigkeit in der Chirurgie.

Wir drehen die Uhr zurück auf Ende 1963. Hier war der 32-jährige Jürgen Schmidt in der chirurgischen Abteilung des Kolding-Krankenhauses beschäftigt. Der Job war stressig, und ihm war klar, er musste „neue Weiden grasen“.

Es war fast, als hätte jemand Jürgens Gedanken gelesen, denn eines Tages im Dezember 1963 sah er in einer Ugeskrift (Wochenschrift) eine Stellenanzeige für Læger (Ärzte), und es kitzelte etwas in dem jungen Arzt.

Stellenanzeige in einer Ugeskrift (Wochenschrift) für Læger (Ärzte) vom 06. Dezember 1963. Foto: Ugeskrift für Læger, 6. Dezember 1963.

„Dann dachte ich, das könnte mir gefallen. Sehnsucht war schon immer eine „Schwäche“ in der Familie. Also habe ich mich um die Stelle beworben. Er wurde zu einem Vorstellungsgespräch nach København zu Frode Rydgaard gerufen, der unter anderem Arzt bei der EAC (East Asian Company) war. Doch dann verging eine lange Zeit, in der Jürgen Schmidt nichts hörte.

„Ich hatte es tatsächlich aufgegeben, weil ich nichts von ihnen gehört hatte. Also dachte ich, sie hätten jemand anderen gefunden. Bis zu dem Tag Anfang 1964, als im Kolding Hospital ein weißer Umschlag auf seinem Schreibtisch lag. Absender war die East Asian Company, bei der er einige Monate zuvor seine Bewerbung gestellt hatte. Er war sich bewusst, dass der Brief eine Antwort enthielt, die er entweder mit Freude oder enttäuscht lesen würde.

Glücklicherweise war die Nachricht in dem Brief positiv. Jürgen Schmidt wurde auf einer der letzten Reisen deer „Jutlandia“ zwischen København und Bangkok als Schiffsarzt angestellt. Er war glücklich. Aber was seine Lebensplanung hätte sein sollen, sollte einige Monate später von einer traurigen Nachricht des Telegrafendienstes an Bord von „Jütlandia“ überschattet werden.

Fakten über die „Jutlandia“

  • Die „Jutlandia“ fuhr zwischen 1934 und 1940 erstmals als Frachtschiff zwischen København und Bangkok für die EAC (East Asian Company).
  • 1950 kaufte der dänische Staat die „Jutlandia“ von der EAC und fuhr nach einem umfangreichen Umbau, der drei Monate dauerte, während des Koreakrieges von 1951 bis 1953 als Lazarettschiff. Dabei fuhr sie unter drei Flaggen: der Dannebrog, der Roten Kreuzflagge und der UN-Flagge.
  • Nach dem Koreakrieg wurde die „Jutlandia“ 1954 auf der Nakskov-Werft wieder zu einem normalen Fracht- und Passagierschiff umgebaut.
  • Danach verkehrte sie bis 1964 wieder Güter und Passagiere zwischen Dänemark und Asien.
  • 1965 wurde die „Jutlandia“ in der spanischen Stadt Bilbao abgewrackt.

Quelle: Denstoredanske.dk og Nakskov Skibs- og Søfartsmuseum

Ende Februar 1964 schiffte er sich dann im Nordhavn (Nordhafen) in København auf der „Jutlandia“ ein. Nach dem Koreakrieg, in dem das Schiff als Lazarettschiff der Vereinten Nationen und des Roten Kreuzes gefahren war, wurde das Schiff in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt, um wieder als Passagier- und Frachtschiff fahren zu können. Die Fahrt war für Jürgen Schmidt eine gute Mischung aus Arbeit und Erholung, der nur etwas zu tun hatte, wenn die Crew oder die Passagiere ihn brauchten.

„Ich gebe zu, dass ich auf dem Schiff eigentlich nichts gemacht habe. Nur jeden vierten Tag im Hafen, wo meist eine Handvoll Besatzungsmitglieder wegen Tripper behandelt werden mussten“, sagt Jürgen Schmidt.

Jürgen Schmidt fotografiert vor einem Gummibaum irgendwo in Asien. Foto: Unbekannt

Der stressige Alltag in der chirurgischen Abteilung in Kolding war vorbei und Jürgen Schmidt konnte sich nun auf ein erholsames halbes Jahr freuen. „Es war mein Traum. Einfach komplett wegkommen und etwas sehen, was ich noch nie zuvor gesehen hatte. Mit dem Schiff zu fahren, es ist so eine ruhige, schaukelnde Zeit. Ich hatte alle Privilegien, so dass ich das ganze Schiff genie0en konnte, und ich hatte auch meine eigene Kabine in Verbindung mit meiner Behandlungskabine.

Er erinnert sich besonders gern während der Reise in den Zeiten, in denen das Schiff im Hafen lag und er Landurlaub bekam, damit er Thailand, Vietnam und Malaysia erkunden konnte.

Die „Jutlandia “, fotografiert im Suezkanal 1964 von Jürgen Schmidt selbst. Ein Jahr später wurde das Schiff in der spanischen Stadt Bilbao demontiert. Foto: Jürgen Schmidt

Er erinnert sich jedoch auch besonders an eine Episode, in der er vor Singapur an einem offiziellen Abendessen auf dem Schiff teilnehmen sollte. Da es an Bord keine Klimaanlage gab, trug Jürgen Schmidt ein kurzärmeliges Hemd ohne Krawatte, wie er es bei englischen Matrosen gesehen hatte. Ein Kellner kam an den Tisch, an dem Jürgen Schmidt saß. Er hielt ein Silbertablett in der Hand, und auf dem Silbertablett lag ein kleiner Zettel des Kapitäns, auf dem stand: „Sie müssen sofort an meinen Tisch kommen.“

„Ich hatte keine Ahnung, was er wollte. Und dann sagte er mir: ,Schmidt, wenn du keine Krawatte hast, würde ich dir gerne eine leihen.‘ Das war eine ganz besondere Art, das auszudrücken“, sagt Jürgen Schmidt lachend. Als Schiffsarzt wurde er als einer der Offiziere bezeichnet, und daher wurde auch erwartet, dass er förmlich gekleidet war.

Jürgen Schmidt hatte eine Kabine und eine Behandlungskabine, wo der rote Kreis ist. Foto: Werft Nakskov

Bereits 1964, so Jürgen Schmidt, war die Schraubengeräusche zu spüren, die die „Jutlandia“ von sich gab, obwohl das Schiff erst vor etwas mehr als zehn Jahren als Lazarettschiff gefahren war. Doch schon nach einem kurzen Moment waren es weder das Fehlen einer Krawatte noch die Schiffsgeschichte, die den Schiffsarzt aus Toftlund beschäftigten.

Und dann sind wir wieder im heißen Mai 1964 bei der „Jutlandia“, die damals vor Singapur lag – noch mit über der Hälfte der Fahrt vor dem Ziel in København. „Jutlandias“ Telegrafendienst „Gnisten“ (Der Funke) hatte gerade ein Telegramm von der Frau von Jürgens Vater erhalten. „ Gnisten wurde mir vorgelegt und es teilte mir mit, dass mein Vater ein Blutgerinnsel hatte und ich sofort nach Hause musste. Es war eine harte Botschaft, so weit weg von zu Hause mitten auf dem Ozean zu sein.“

Als Arzt war sich Jürgen Schmidt bewusst, dass die ersten 11 Tage nach dem Blutgerinnsel entscheidend für das Überleben seines Vaters werden würden.

Der Mann in der Mitte war Telegrafist auf der „Jutlandia“, Jürgen Schmidt war Schiffsarzt. Er wurde auch „Gnisten“ genannt und war es, der Jürgen die Nachricht überbrachte, dass sein Vater an einem Blutgerinnsel erkrankt war. Foto: Jürgen Schmidt

Darüber hinaus wollte Jürgen Schmidt vor allem an Land gehen und ein Flugzeug nach Dänemark nehmen. So nahm der Schiffsarzt das Herz und ging zum zum Kapitän. „Ich ging zum Kapitän und fragte, ob ich das Schiff verlassen könne. Und dann sah er mich an und sagte: ,Das Schiff darf nicht ohne Kapitän fahren, noch kann es ohne Schiffsarzt fahren.‘ Der Kapitän würde keine Ausnahme machen, denn er würde nicht riskieren, auf einen Arzt zu verzichten, wenn die rund 75 Besatzungsmitglieder und 75 Passagiere ärztliche Hilfe benötigen würden. Das Schiff durfte nicht ohne mich fahren, also telegrafierte ich nach Hause, dass ich nach Hause kommen und in der Arztpraxis meines Vaters in Toftlund helfen würde. Aber ich musste warten, bis das Schiff nach Hause fuhr und zweieinhalb Monate später zu Hause war.“

Wann er – und falls er jemals – seinen Vater wiedersehen würde, wusste er nicht. Jetzt war es für Jürgen ein Kampf gegen die Zeit. Aber fürdie „Jutlandia“ verlief die Reise unverändert, und das Schiff setzte seine stetige, schaukelnde Fahrt in Richtung Bangkok unermüdlich fort.

Lange Zeit lief Jürgen Schmidt unruhig auf dem Schiff umher, unsicher über den Zustand seines Vaters. Aber dann kam eines Tages wieder ein Telegramm von zu Hause mit der Nachricht, dass der Zustand des Vaters nun in Ordnung sei. Aber die Nachricht, dass Jürgen so schnell wie möglich nach Hause kommen müsse, blieb unverändert. Obwohl die Frau des Vaters es nicht direkt schrieb, las Jürgen Schmidt zwischen den Zeilen, dass der Vater nicht mehr in die Praxis arbeiten könne und Jürgen einspringen müsse.

Wussten Sie?

  • Die „Jutlandia“ wurde tatsächlich von Bomben und Granaten getroffen, jedoch nicht während des Koreakrieges. Während des Zweiten Weltkriegs ankerten die drei EAC-Schiffe „Java“, „Falstria“ und „Jutlandia „vor Nakskov, um der deutschen Besetzung zu entgehen.
  • Am 03. Mai 1945 – einen Tag vor der Kapitulation der deutschen Truppen – trafen englische Flugzeuge irrtümlicherweise die drei Schiffe, weil sie dachten, die Schiffe seien deutsche. Die „Jutlandia“ entkam dem Angriff am leichtesten mit einigen Einschusslöchern und einem kleinen Feuer in einem Laderaum.
  • Am 11. August 1945 war Jütlandien wieder seetüchtig.

Quelle: Nakskov Local Archive und Nakskov Ship and Maritime Museum

Knapp drei Monate später – Ende Juli 1964 – hatte Jütland wieder dänisches Gewässer unter dem Kiel. Eigentlich sollte das Schiff bis KøbenhavnKøbenhavn fahren, aber Jürgen Schmidt durfte schon in Aarhus an Land gehen. Hier nahm er den Zug nach Kolding, wo sein Auto – ein grüner Volkswagen Käfer – geparkt war. Jürgen wusste genau, dass sein Vater noch lebte, und trotzdem bekam er feuchte Handflächen, als er das Lenkrad des Autos ergriff und zum Elternhaus Søndergade 20 in Toftlund fuhr.

Als Jürgen in die Wohnung kam, war sein Vater bei der Arbeit. „Er hatte Temperament, er wollte aktiv bleiben! Er kannte überhaupt keine Krankheit. Oder zumindest wollte er seine Krankheit nicht akzeptieren. Aber natürlich konnte ich in ihm spüren, dass er krank war.“

Der Vater hatte seit 1925 im ursptünglichen Wohnzimmer der Søndergade 20 eine Arztpraxis, während die Familie im ersten Stock wohnte. Er überlebte das Blutgerinnsel und die Hirnblutung, die das Blutgerinnsel verursacht hatte, aber er war behindert und konnte die Praxis im Wohnzimmer nicht weiterführen.

Søndergade 20, wo Jürgen Schmidt von 1964 bis 1996 seine Arztpraxis hatte. Der Vater Andreas Hørlyck Schmidt hatte die Praxis von 1925 bis 1964. Foto: Google Street View

So übernahm Jürgen Schmidt sofort die Praxis und zog gleichzeitig in sein Elternhaus seit seiner Geburt 1931. Zurückzukommen und die Patienten seines Vaters in der Praxis seines Heimatortes zu übernehmen, war sowohl vom OP im Kolding-Krankenhaus als auch von der Reise mit „Jutlandia“ ein Umbruch. Zunächst hatte Jürgen Schmidt Angst, dass die älteren Patienten, die Jürgen schon als Kind gekannt hatten, ihn nicht ernst nehmen könnten. Aber diese Sorge erwies sich als unbegründet.

Und im Endeffekt war es eine gute Abwechslung zum stressigen Leben im Kolding Hospital, obwohl er imr Job als Allgemeinmediziner mit bis zu 3.000 Patienten beschäftigt war. „Eigentlich war mein Traum, mit den Operationen fortzufahren, aber das hatte auch viele Nachteile mit einem stressigen Leben. Als Hausarzt habe ich den Menschen als Ganzes kennengelernt, und das hat mir auch viel bedeutet.

Obwohl sein Leben eine andere Wendung nahm, als er zunächst dachte, blickt er mit Freude auf sein Leben als Hausarzt in Toftlund zurück. Sein Vater starb 1972 im Alter von 77 Jahren, und Jürgen Schmidt führte die Praxis in Toftlund die nächsten 32 Jahre, bevor er 1996 in den Ruhestand ging.

Im Zusammenhang mit seiner Pension zog er auch vom Elternhaus Søndergade 20 in eine Villa in Toftlund, wo er noch heute lebt. Damit war die 71-jährige Familiendynastie in der Søndergade 20 beendet. Es war nicht leicht, das Elternhaus zu verlassen, aber Jürgen Schmidt geht immer noch ab und zu an der Søndergade 20 vorbei und erinnert sich an die Zeit in den Räumen, die den Rahmen seiner Kindheit und den größten Teil seines späteren Berufs- und Familienlebens bildeten.

Quelle: TV SYD – übersetzt und bearbeitet von

Günter Schwarz – 12.12.2021

Fotos: TV SYD