Kiel – Wer nach dem Wochenende „mal kurz“ ein paar Pfanddosen beim Discounter abgeben möchte, endet nicht selten in einer Warteschlange „älterer Damen“ oder Kinder, die säckeweise Pfandgut abgeben und auch keine Anstalten machen, jemanden mit 3 oder 4 Dosen „vor zu lassen“.
Immer häufiger berichten Kieler Bürger und Einzelhändler von Problemen beim Abgeben von Pfanddosen und -flaschen: Lange Warteschlangen an den Automaten in Supermärkten gehören vielerorts zum Alltag. Gleichzeitig klagen einzelne Pfandsammler, wie Obdachlose oder Rentner, darüber, dass sie beim Sammeln auf offener Straße bedroht oder aus „Revieren“ verdrängt werden sollen. Hinter diesen Vorfällen stehen teilweise organisierte Gruppen, die das Pfandsystem systematisch und gewerbsmäßig nutzen.Wie in anderen deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg und Dortmund gibt es auch in Kiel organisierte Pfandsammler-Gruppen, die sich von den vielen einzelnen, oft bedürftigen Sammlern (Rentnern, Obdachlosen oder Studierenden) deutlich unterscheiden. Diese Gruppen verursachen regelmäßig Beschwerden beim Handel und belasten die Akzeptanz des Pfandsystems in der Bevölkerung.
Professionelle Strukturen statt Einzelsammlung – organisierte Gruppen arbeiten arbeitsteilig und hochprofessionell. Sie sammeln große Mengen – teilweise mehrere Tausend Dosen und Flaschen pro Tour – mit Kleinlastern, Lieferwagen oder Einkaufswagen und liefern diese gebündelt bei Supermärkten oder Großhändlern ab. Eine gängige Praxis ist der Ankauf von Leergut bei Kiosken, Kneipen und Gastronomiebetrieben zu einem reduzierten Preis. Die Flaschen und Dosen werden anschließend zum vollen Pfandwert zurückgegeben. Der Gewinn entsteht aus der Differenz sowie möglichen steuerlichen Vorteilen.Einzelne Sammler oder Rentner, die auf die Pfandpfennige angewiesen sind, fühlen sich zunehmend unter Druck gesetzt und nicht selten gar bedroht. Es kommt zu Drohungen oder Einschüchterungen, wenn sie in bestimmten Gebieten sammeln wollen. Solche Revierkämpfe sind aus anderen Städten bekannt und treten nun auch in Kiel verstärkt auf. Hinzu kommen praktische Belastungen für den Einzelhandel: Massenrückgaben führen zu langen Warteschlangen an den Pfandautomaten, blockieren die Annahmestellen teilweise stundenlang und sorgen für Hygieneprobleme durch unsortiertes, teilweise verschmutztes Leergut. Supermärkte sind gesetzlich zur Rücknahme verpflichtet und können solche Lieferungen nicht einfach ablehnen – das führt zu wachsendem Frust bei Händlern und Kunden.
Berichte aus anderen Kommunen zeigen, dass die Mitglieder solcher organisierter Gruppen überwiegend aus Südosteuropa stammen, insbesondere aus Rumänien und Bulgarien. Es handelt sich oft um migrantische Netzwerke oder „Banden“, die sich auf die informelle Massensammlung und zentrale Rückgabe spezialisiert haben. Nicht jede Gruppe ist im klassischen Sinne kriminell, doch sie nutzen Lücken im Pfandsystem systematisch aus. Wichtig ist die Unterscheidung: Die große Mehrheit der Pfandsammler in Kiel sammelt legal, unauffällig und aus echter Not. Nur die hochorganisierten Strukturen sorgen für die genannten Probleme.
Die Stadtverwaltungen nehmen die Kritik aus Handel und Bevölkerung zwar ernst, die Kieler Stadtverwaltung hat auf Fragen unserer Redaktion aber bisher nicht reagiert. Aus den Rathäusern größerer Städte heisst es: „Lange Schlangen beim Pfandabgeben und Einschüchterungen einzelner Sammler sind kein hinnehmbarer Zustand“, Die Verwaltungen prüfen inwieweit kommunale Maßnahmen – wie verstärkte Kontrollen, bessere Kooperation mit dem Handel oder eine Anpassung der Sammel- und Rückgabepraxis – Abhilfe schaffen können. Ziel sei es, das bewährte Pfandsystem zu erhalten, ohne dass es durch organisierte Ausnutzung und Revierkämpfe belastet wird. Einzelne bedürftige Sammler sollen weiterhin die Möglichkeit haben, Pfand zu sammeln, während gewerbsmäßige Massenrückgaben fair und ohne Behinderung für alle Beteiligten ablaufen sollten. Mehrere Städte rufen Händler und Bürger auf, Vorfälle mit Bedrohungen oder massiven Behinderungen der Leergutannahme der Polizei, der Stadtverwaltung oder mindestens der Leitung einer betroffenen Supermarkt-Abgabestelle zu melden. Nur so könne man ein realistisches Bild der Lage gewinnen und gezielt gegensteuern.Die Kieler Woche und andere Großveranstaltungen zeigen bereits, wie groß die Konkurrenz beim Pfandsammeln werden kann. Die Städte und Gemeinden wollen idR verhindern, dass daraus dauerhafte Konflikte entstehen.