Das britische Fischerstädtchen Whitby rühmt sich der berühmtesten Ruine des Landes, die tagsüber romantisch wirkt, nachts aber einem einen Schauer über den Rücken jagt.
Es war das seltsamste Ereignis, das die Bewohner des windumtosten Fischerstädtchens Whitby im Nordosten Englands je erlebt hatten.
Ein russisches Schiff mit einer Silberladung lief unterhalb der Klippen auf Grund. Alle Seeleute waren tot, bis auf den Kapitän, der ans Steuerrad gefesselt war. Zeugen sahen einen großen, schwarzen Hund über das Geländer springen, an Land schwimmen und die 199 Stufen zur St. Mary’s Church hinaufsteigen, die am Fuße der Ruinen der Whitby Abbey liegt.
Und hier sind wir nun. Nach mehreren Tagen mit Regenschauern hat sich endlich die Sonne durch die Wolkendecke gekämpft. Bögen, Säulen und Fenster ragen noch immer gen Himmel, und tief unter uns brandet das Meer unaufhaltsam auf den Strand zu.
Die Abteiruinen gelten oft als die romantischsten in ganz England. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf die charmanten Häuser der Stadt, die sich an die Hänge hinunter zum kleinen Hafen schmiegen, wo Hummerfallen darauf warten, ins Wasser geworfen zu werden.
Die Benediktinerabtei wurde im 11. Jahrhundert gegründet und war bis zu ihrer Schließung im Zuge der Reformation, wie auch andere englische Klöster, ein Wallfahrtsort. Im viktorianischen Zeitalter entdeckten wohlhabende Touristen die Stadt und die Ruinen und kamen hierher, um zu spazieren, die frische Luft am Strand zu genießen und die malerischen Ruinen auf Leinwand festzuhalten.
Die Dracula-Geschichte nimmt Gestalt an.
Einer der Besucher war der Schriftsteller Bram Stoker. Er spazierte oft durch Whitby und bemerkte dabei unter anderem die Fledermäuse, die in der St. Mary’s Church lebten.
Zufällig stieß er in der örtlichen Bibliothek auf einen Bericht des britischen Konsuls in Bukarest aus dem Jahr 1820. Darin wurde von einem Fürsten in Siebenbürgen berichtet, der seine Feinde pfählte und sich an ihrem Leiden ergötzte, während er aß.
In Whitby hörte er auch die Geschichte des russischen Schiffs „Dmitri“, das fünf Jahre zuvor mit Silber und Sand beladen unterhalb der Klippen gesunken war.
So nahm die Geschichte von Dracula in Bram Stokers Fantasie Gestalt an.
An einem sonnigen Tag wie diesem wirken wir jedoch gar nicht so furchteinflößend – ganz im Gegenteil. Wir sitzen in einem Pub, genießen ein Glas Cider und blicken auf den Hafen, wo die Fischerboote im Sand liegen, weil das Wasser zurückgegangen ist.
Am selben Abend kehren wir jedoch auf die Klippe zurück. Wir steigen die 199 Stufen zur St. Mary’s Church hinauf und können beobachten, wie die Lichter der Stadt eingeschaltet werden.
Der Sichelmond schimmert schwach durch eine dünne Wolkendecke, und der Wind dämpft allmählich die Geräusche der vielen Pubs. Eine Katze – natürlich schwarz! – huscht an uns vorbei, bevor wir den Friedhof betreten.
Einige Grabsteine sind gefährlich schief, und auf vielen ist die Inschrift nicht mehr lesbar. Andere stehen über leeren Gräbern von Seeleuten, die nie zurückkehrten. Dahinter erheben sich die dunklen Ruinen mit gähnender Leere dem Mond entgegen.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken, doch es ist auch kühl.
Auf dem Weg zur Treppe hinunter in die Stadt höre ich ein Knirschen. Und tatsächlich, da steht jemand hinter einer Mauer in der Dunkelheit. Ich will gerade etwas zu meinem Mann sagen, als mir klar wird, dass es ein Pferd ist, das grast.
Drei Erlebnisse in Whitby
- Sich in den kleinen Gassen verlieren: Whitby ist eine der gemütlichsten Städte, die ich in England besucht habe, und einfach durch die engen Gassen zu schlendern, ist ein Genuss. Es gibt zahlreiche Pubs und kleine Läden, die unter anderem Schmuck aus Gagat verkaufen. Gagat wird aus Holz aus der Zeit der Dinosaurier hergestellt, das unter hohem Druck versteinert wurde.
- Angeln gehen: Whitby ist nach wie vor ein echter Fischereihafen, und mehrere Boote bieten Ausflüge in die Nordsee an, falls Sie Ihr Abendessen selbst fangen möchten. Wenn Sie zu Seekrankheit neigen, können Sie einfach Fish and Chips bestellen. Die Qualität ist hier erstklassig.
- Die Geschichte der Seenotrettung kennenlernen: Seit über 200 Jahren sammelt die Royal National Lifeboat Institution (RNLI), eine gemeinnützige Organisation, Spenden zur Unterstützung der lokalen Seenotrettungsdienste an den Küsten Großbritanniens. Auch heute noch engagiert sie sich. In Whitby befindet sich ein RNLI-Museum, das die Geschichte der Rettungsboote und einiger der dramatischsten Rettungseinsätze erzählt.
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