Mit einer Förderung von einer Million Kronen will ein neues Forschungsprojekt Dänemarks tatsächliche Rolle im Kalten Krieg aufdecken und hartnäckige Mythen über Invasionen, nukleare Bedrohungen und geheime Kriegspläne entkräften – gerade jetzt, wo die Geschichte wieder an politischer Relevanz gewonnen hat.
Jahrzehntelang prägten Erzählungen über den Kalten Krieg die dänische Öffentlichkeit.
Gerüchte über nukleare Ziele, geheime Invasionspläne und verborgene Militärstrategien beeinflussten die Populärkultur und die lokale Geschichtsschreibung, oft ohne fundierte Belege.
Nun will ein neues, umfangreiches Forschungsprojekt Mythen von der Realität trennen und den Dänen ein differenzierteres Bild von Dänemarks Rolle in einer der entscheidendsten Epochen des 20. Jahrhunderts vermitteln.
So die Königliche Bibliothek in einer Pressemitteilung.
Mit einer Förderung von 3,7 Millionen Kronen durch die Augustinus-Stiftung arbeiten Forscher der Königlichen Bibliothek, des Nationalarchivs und des Langelands Museums gemeinsam an dem Projekt „Mythen und Realitäten – Eine geographische Analyse der Militärpläne für Dänemark während des Kalten Krieges“.
In den kommenden drei Jahren werden sie Karten, Archive und militärische Planungsdokumente der NATO und des Warschauer Pakts auswerten, um herauszufinden, wie Dänemark tatsächlich in die Strategien der Großmächte eingebunden war.
Das Projekt widmet sich einigen der hartnäckigsten Fragen dieser Zeit.
War Dänemark Ziel eines Atomangriffs? Gab es konkrete Pläne für eine polnische Landung in der Køge-Bucht? Und waren dänische Dorfkirchen tatsächlich als militärische Ziele vorgesehen? Diese Fragen sind seit Langem Gegenstand lokaler Mythenbildung und historischer Debatten, doch die Forscher hoffen nun, präzisere Antworten liefern zu können.
Laut den Projektautoren geht es in der Forschung nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Gegenwart.
In einer Zeit, in der der Krieg wieder näher an Europa heranrückt und die Sicherheitspolitik eine immer wichtigere Rolle in der öffentlichen Debatte spielt, können die Erfahrungen des Kalten Krieges wichtige Perspektiven liefern.
Die Direktorin der Königlichen Bibliothek, Bente Skovgaard Kristensen, betont die Notwendigkeit von Wissen in diesen turbulenten Zeiten.
Sie betont, dass der betrachtete Zeitraum Dänemarks jüngste Erfahrungen mit Krisen und Konflikten in großem Umfang umfasst und dass fundierte, forschungsbasierte Erkenntnisse unerlässlich sind, um sowohl die Herausforderungen der Vergangenheit als auch der Gegenwart zu verstehen.
Die Förderung ermöglicht es, einzigartige Sammlungen mit modernen digitalen Methoden zu kombinieren und so bekannte Geschichten in neuem Licht erscheinen zu lassen.
Auch das Nationalarchiv sieht in dem Projekt eine Chance, die Archive in einen zeitgenössischen Kontext einzubinden. Nationalarchivar Morten Ellegaard hebt hervor, dass die Erforschung des Archivmaterials nicht nur von historischem Interesse ist, sondern auch zu einer fundierteren öffentlichen Debatte über die Zukunft beitragen kann.
Die Erwartungen der Museen sind ähnlich hoch.
Peer Henrik Hansen, Museumsdirektor des Kalten-Krieg-Museums Langelandsfort, weist darauf hin, dass die Forschung zum Kalten Krieg immer wieder gezeigt hat, wie komplex und überraschend diese Zeit war.
Seiner Ansicht nach gibt es noch vieles, was wir nicht wissen – und das Projekt kann daher unser Verständnis davon verändern, wie nah Dänemark den Brennpunkten des Konflikts war.
Das Forschungsprojekt wird von Stig Roar Svenningsen, einem erfahrenen Wissenschaftler der Königlichen Bibliothek, geleitet, der über umfassende Expertise in historischer Kartografie und digitaler Kartenanalyse verfügt.
Gemeinsam mit Kollegen des Nationalarchivs, des Langelandsfort und der Universität Roskilde analysiert er Militärpläne aus Archiven in Dänemark, Deutschland und Polen.
Mithilfe digitaler Kartierungswerkzeuge untersuchen die Forscher, wie sich diese Pläne auf dänische Städte, Infrastruktur und die Zivilbevölkerung ausgewirkt haben könnten.
Die Ergebnisse sollen nicht allein in wissenschaftlichen Berichten verborgen bleiben. Im Gegenteil: Die Verbreitung der Forschungsergebnisse ist ein zentraler Bestandteil des Projekts. In den kommenden drei Jahren werden die Forschungsergebnisse in Artikeln, Vorträgen, Ausstellungen und einer populärwissenschaftlichen Publikation präsentiert – unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Museum Langelandsfort und Bibliotheken im ganzen Land.
Das Ziel ist klar: Den Dänen ein faktenbasierteres und differenzierteres Bild des Kalten Krieges zu vermitteln – und damit eine bessere Grundlage für das Verständnis der heutigen sicherheitspolitischen Realität zu schaffen.